Extension du domaine de la lutte Frankreich 1999 – 120min.

Filmkritik

Je pense, donc je souffre

Filmkritik: Gerhard Schaufelberger

Der französische Regisseur und Schauspieler Philippe Harel hat gemeinsam mit dem Autor Michel Houellebecq ein Drehbuch zu dessen gleichnamigem Kultroman entwickelt und spielt die Hauptfigur in diesem denkwürdigen Lehrstück über die Depression des Philosophen in einem der Philosophie ledig gewordenen Zeitalter.

"Unser Held", ein Systemingenieur, (Philippe Harel), hat all seinen Ehrgeiz verloren, sein Job ödet ihn an, das oberflächlich-dümmliche Gehabe seiner Kollegen gibt ihm auf die Nerven. Es ist Herbst, Nebel schleicht durch die grauen Plattenbauschluchten seiner Banlieue, seine Wohnung stinkt nach Verwesung, Zigarettenrauch und bitterer Einsamkeit, sein Auto hat er im Suff irgendwo verloren. Vor Weihnachten muss er zusammen mit Tisserand (José García) mehrere Schulungsaufträge bei Kunden in der Provinz erledigen. Tisserand ist klein, rundlich und glaubt, er sehe aus wie ein Frosch, hat trotz seiner ständigen Misserfolge bei den Frauen den Glauben an die Liebe nicht aufgegeben. Aber in dem System der freien Sexualität - wie auch in der freien Marktwirtschaft - kann die Existenz schmerzvoll und enttäuschend sein: Einige führen ein aufregendes und abwechslungsreiches Sexualleben, andere sind zu Einsamkeit und Masturbation verdammt. Der Wert eines menschlichen Wesens errechnet sich aus seiner wirtschaftlichen Effizienz und seiner sexuellen Potenz. Auf seiner Dienstreise erkrankt unser Held an einer Herzbeutelentzündung, wird später durch eine schwere Depression vollkommen arbeitsunfähig und tritt schliesslich den Weg zur Besserung in einer psychiatrischen Klinik an.

Houellebecqs Roman ist nicht eben ein ermunterndes Geschichtlein, und die Reflexionen seines "Helden" lassen an unserer von Hektik und Egoismus, emotionaler Gleichgültigkeit und sexueller Ubiquität geprägten Global-Village-Gesellschaft kaum etwas intakt erscheinen. Philippe Harel macht daraus ein ebenso deprimierendes wie denkwürdiges filmisches Lehrstück über den Verlust der Individualität, - oder ist es ein Beleg in der Beweiskette zu deren Nichtexistenz?

Als "Unser Held" redet er, meist aus dem Off, in einem eintönig geräuschhaften Timbre auf den Zuschauer ein. Kaum je spricht er über sich, alles ist ihm Objekt geworden, ausser er selbst. Sogar im Dialog mit dem sexuellen Verlierer Tisserand (viel zu hübsch, um wahr zu sein: José García) legt er diesen künstlichen Schulmeisterton, abgesehen von ein paar scheuen Anflügen mitleidiger Zärtlichkeit, nicht ab. Auf diese Weise kommt man dem in einem starren, abweisenden Käferkleid verpuppten Mann niemals nah genug, um den Grund seiner Abkapselung zu erfühlen. Was er mitteilt, ist abstrakt, und muss abstrakt verstanden werden, oder eben nicht, und das letztere ist wahrscheinlicher.

An die Grenze des Absurden führt das zwanghafte Aufrechterhalten dieser Charakterhülle, als unser Held im Gespräch mit seiner Psychotherapeutin einfach weiter doziert, als gelte es nicht, sein persönliches Problem zu orten, sondern ein historisch-pessimistisches System für das 21. Jahrhundert zu proklamieren. Dass die Therapie schliesslich mit der banalen Frage, seit wann unser Held denn nicht mehr mit einer Frau geschlafen habe, den Durchbruch erreicht und allem Anschein nach reüssiert, wirkt amerikanisch billig nach all den abgründigen (und alles andere als abwegigen) Gedankengängen des Patienten. Und wenn man ihn zum Schluss im Tanzkurs mit einer um einen halben Kopf grösseren Frau (schöne Aussichten!) als Walzer-Partnerin sich im Kreise drehn und - auch mit den Augen - lächeln sieht, so ist man versucht, sich die Backenbärte zu zerzausen, auf den Tisch zu klopfen und rufen: "Dubito, dubito!"

07.08.2001

3

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