The Northman Island, Irland, Grossbritannien, USA 2022 – 137min.

Filmkritik

Hamlet als Wikinger

Gaby Tscharner
Filmkritik: Gaby Tscharner

Robert Eggers Wikinger-Sage ist ein visuell umwerfender, altnordischer Rachefeldzug, der die Zuschauer mit blutrünstiger Action überwältigt, dem ultimativ aber das Herz fehlt.

Amleth (Oscar Novak) wächst als Sohn des Wikinger-Königs Aurvandil (Ethan Hawk) in einem fiktiven nordischen Land namens Hrafnsey auf. Als sein Onkel Fjölnir (Claes Bang) seinen Vater ermordet und seine Mutter, Königin Gudrún (Nicole Kidman) entführt, entkommt Amleth um Haaresbreite und schwört: «Ich rächte dich, Vater. Ich rette dich, Mutter. Ich töte dich, Fjölnir». Der verwaiste Junge wird von einem Volk von Nomaden aufgenommen, wo er zu einem Berserker von einem Wikinger heranwächst. An sein Kindheits-Motto wird der wütende und plündernde Muskel-bepackte Amleth (Alexander Skarsgård) erst wieder von einer Hellseherin (Björk) erinnert. Da er jetzt alt und stark genug ist, seinen Schwur zu würdigen, macht sich Amleth auf, sein blutrünstiges Schicksal zu erfüllen.

Regisseur und Drehbuchautor Robert Eggers hat sich mit Studio-Filmen wie «The Witch» und «The Lighthouse» schnell zum Kritikerliebling entwickelt. Mit «The Northman» liefert er nun seinen ersten Sommer-Actionfilm für die Massen und das bringt Input von Fokusgruppen und ausgiebiges Dreinreden der Studiobosse mit sich. Während Eggers erste beiden Filme quer und unberechenbar waren, ist «The Northman» zu absehbar.

«The Northman» basiert auf der Wikinger-Sage, die Shakespeare zum Schreiben von «Hamlet» inspiriert haben soll. Mit Hilfe von Experten der schwedischen Uppsala Universität liefert Eggers einen sorgfältig recherchierten, historisch korrekten Film über die Wikinger des 9. Jahrhunderts ab, der aber, wie seine früheren Filme, die Grenzen zwischen Realität und dem Übernatürlichen verwischt. Damals hofften Männer, als Krieger auf dem Schlachtfeld zu sterben und von Wallküren nach Walhalla gebracht zu werden. Sie lebten in einer Welt von Schamanen und Hellsehern, die mit übernatürlichen Kräften die Welt definierten, bevor die Gesetze der Wissenschaft dies übernahmen.

Das Drehbuch, das Eggers mit dem isländischen Dichter und Autor Sjón geschrieben hat, weist einige schöne Momente auf, die aber vielen leeren Hollywood Clichés und viel Action weichen mussten. Ausser einer äusserst stillen Liebesszene zwischen der Hexe Olga (Anja Taylor-Joy) und Amleth überwältigt uns der Film mit lauter Gewalt und viel Blut. Er konzentriert sich auf die primitive Wut des Protagonisten, die er zu Rachegelüsten umwandelt, die zu seiner einzigen Motivation werden. In einer schwachen Minute bezeichnet er sein Leben zwar als Albtraum, worauf Olga erwidert: «Dann musst du eben aufwachen.» Aber, Amleth hat keinen Sinneswandel. Seine Gefühle und Themen, wie die Furcht vor dem Verlassenwerden oder seine Beziehung zu Frauen, fallen historischer Genauigkeit und gross-angelegten Kampfszenen zum Opfer. Der Film gipfelt in einem Testosteron beladenen Showdown auf einem aktiven Vulkan, der dem Zuschauer zwar fast den Atem raubt, ihn aber nicht befriedigt, sondern nur benommen und betäubt aus dem Kino entlässt.

19.04.2022

3

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Kommentare

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Filmenthusiast

vor 4 Tagen

Ein Film zwischen exzessiver Mystifizierung und exzessiver Gewalt mit simpler Story. Teilweise konnte ich in den Film eintauchen, dafür drei Sterne. Im direkten Vergleich mit Netflixs Serie Vikings würde es vermutlich nur zwei Sterne geben.

Zuletzt geändert vor 4 Tagen


navj

vor 18 Tagen

In „The Northman“ geht ein Wikinger auf Rachefeldzug, was altbekannt ist und doch anders. Vor allem die Verbindung zur Mythologie und die detailverliebte Ausstattung hinterlassen Eindruck. Die Geschichte selbst ist da nur ein Nebenprodukt, auch von den Figuren sollte man trotz des grossen Ensembles nicht zu viel erwarten.Mehr anzeigen


as1960

vor 26 Tagen

Ein einfacher Rache-/Vergeltungsfilm bleibt trotz brutaler Kampfbilder und etwas mythischem Hokus-Pokus nur ein einfacher Rache-/Vergeltungsilm. "The Northman" enttäuscht und bleibt hinter dem eigenen Anspruch zurück. Nur ein paar schöne Landschaftsaufnahmen und die interessante Anya Taylor-Joy retten vor der Tiefstnote.Mehr anzeigen


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