Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush Frankreich, Deutschland 2022 – 119min.

Filmkritik

Justiz für meinen Sohn Murat

Filmkritik: Alejandro Manjon

Rabiye ist eine herzliche Frau, die immer mit einem Lächeln im Gesicht zu sehen ist. Ihr Lachen ist laut, sie singt gerne Karaoke und fährt durch die Strassen, als wäre sie die einzige Autofahrerin in der Stadt. Mit so einer positiven Ausstrahlung – und zugegebenermassen mit einer bestimmten Zerstreutheit – lässt sich Rabiye auf die Mission ein, ihren verlorenen Sohn Murat in die Heimat zurückzubringen. Ein trauriges Drama über den wahren Fall von Murat Kurnaz mit humorvollen Momenten, die oft die Stimmung entspannen.

Die fröhliche Rabiye (Meltem Kaptan) ist in ihrem schlimmsten Albtraum gefangen: Ihr Sohn Murat verschwand spurlos und hat nur Fragezeichen über seinen Verbleib hinterlassen. Wie geht’s nun weiter? Mit wem soll sich die Mutter in Verbindung setzen, damit Murat gesund und munter nach Hause gebracht wird? Die Situation ist gerade nicht einfach und dazu kommt, dass die rechtliche Lage des Falls nach und nach komplizierter wird. Angeblich hätte die Polizei genügend Beweise gesammelt, um Murat als IS-Terrorist anzuschuldigen. Nichtsdestotrotz lässt sich seine Mutter davon nicht beeinflussen, denn sie weiss, dass ihr Sohn unschuldig ist. Allerdings ist das nicht das einzige Hindernis, das ihnen im Weg steht. Die deutschen Behörden fragen sich, ob sie überhaupt für diesen Fall zuständig sind. Das türkische Amt zögert auch bei dem Murat-Fall. Diese Geschichte geht um eine Familie, die vom rechtlichen System im Stich gelassen wird.

Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und erzählt, was die Familie Rabiye durchmachen musste. Murat Kurnaz wurde von Januar 2002 bis August 2006 in Guantanamo ohne jeglichen Anspruch auf rechtliche Beratung festgehalten. Sein Buch Fünf Jahre meines Lebens erschütterte das Publikum und schaffte Bewusstsein für die verheerenden Bedingungen in dem Gefangenenlager. Der Film stellt das amerikanische Strafvollzug- und Justizsystem in den Fokus und kritisiert die unmenschlichen Rechtslücken, die mit Guantanamo verbunden sind. Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush, eine verzweifelte Mutter gegen das Justizsystem einer der mächtigsten Länder auf der Welt – Ein Fall, der einen mitnimmt.

Meltem Kaptan debütiert zum ersten Mal als Hauptdarstellerin in einem deutschen Film, für den sie den Silbernen Bären für die beste Hauptrolle verliehen bekommen hat. Hervorzuheben ist die Vielseitigkeit der Schauspielerin. Dies wirkt sich auf das Publikum darin aus, dass man sowohl die Ängste und innere Qualen einer verzweifelten Mutter als auch den energiegeladenen Humor der Frau mitfühlen kann. Murat zu finden wird also von heute auf morgen zu Priorität. Der Film ist aber kein einfach gestricktes Drama, vielmehr werden andere Probleme und Charaktere angeleuchtet, ohne dabei den Fokus auf das Hauptthema zu verlieren.

Gesellschaftliche Themen wie die Einwanderungspolitik, der strukturelle Rassismus und die Mehrsprachigkeit formen das Fundament des Filmes. Zusammenfassend erweist sich der Film als ein humorvolles Drama, das in Deutschland, in der Türkei und in den Vereinigten Staaten spielt. «Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush» ist hochqualitative Unterhaltung, die sich zwischen Hoffnung und Verzweiflung bewegt.



Kurz-Kritik von Cornelis Hähnel:

Murat Kurnaz wurde von Januar 2002 bis August 2006 ohne Anklage im Gefangenenlager Guantanamo festgehalten. Regisseur Andreas Dresen erzählt in seinem Wettbewerbs-Beitrag «Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush» nun diese Geschichte – allerdings aus der Perspektive seiner Mutter Rabiye. Das kluge Drehbuch von Laila Stieler verhandelt den skandalösen Fall allerdings nicht als Justizthriller, sondern fast beiläufig zwischen Apfelkuchen und Karaoke-Videos in Kurnaz‘ Wohnzimmer. Dresen überzeugt erneut mit einem liebevollen Blick auf seine Figuren und so gelingt ihm die schwierige Gratwanderung, diesen ernsten Fall als Tragikomödie mit emotionalem Tiefgang zu erzählen.

11.05.2022

4

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