The Worst Person in the World Dänemark, Frankreich, Norwegen, Schweden 2021 – 121min.

Filmkritik

Once upon a time in Oslo

Théo Metais
Filmkritik: Théo Metais

In seinem fünften Spielfilm lässt uns der norwegische Regisseur und Drehbuchautor Joachim Trier in die Liebes- und Existenzängste von Julie eintauchen. Eine überdrehte Performance, für die seine Schauspielerin in Cannes den Darstellerpreis erhielt.

Von einem Studienanfang zum nächsten: Ab in die medizinische Fakultät, dann doch zu Psychologie rüber gewechselt, nach einiger Zeit war ihr nach Fotografie. Mit 30 ist Julie (Renate Reinsve) immer noch auf der Suche nach sich selbst. Sie stellt sich selbst in Frage und probiert verschiedene Formeln aus. Doch als sie einen berühmten, fünfzehn Jahre älteren Comic-Autor (Anders Danielsen Lie) kennenlernt, stellt sich eine gewisse Stabilität ein und das Leben beruhigt sich. Die beiden Turteltauben ziehen zusammen, doch der Altersunterschied und der Kinderwunsch sind der Todesstoss für eine Beziehung, die das Zeug zu einer Romanze hatte. Dann lernt Julie auf einer Hochzeit, zu der sie sich selbst eingeladen hat, einen anderen Mann kennen.

Eine Geschichte in einer Stadt, die ihrer Autorin so sehr am Herzen liegt: Oslo, welche bereits 2017 Schauplatz der sentimentalen Wanderungen von Eili Harboe war – in einer von den Filmen von Brian De Palma und David Cronenberg inspirierten Handlung. Als Symbolfigur einer schüchternen Renaissance des skandinavischen Kinos hatte Joachim Trier mit «Louder Than Bombs» sogar einen kurzen Abstecher nach Hollywood gemacht.

Ein programmatischer Titel, der in zwölf Kapitel unterteilt wurde. Darunter «Untreue» oder «Alles hat ein Ende». Der Film, von Voice-Overs begleitet, entwickelt sich in einem Milieu, in dem Julie sich gegen den elementaren Rationalismus, die selbsterfüllenden Prophezeiungen und das unerschöpfliche Diktat von Mutterschaft und apollinischer Erektion wehren muss. Eine junge Frau, die ständig zwischen ihrem unbändigen Bedürfnis nach Wahnsinn, Freiheit und Komfort hin- und hergerissen ist. Kurz gesagt, symptomatisch für die Millennials und ihre westlichen Zeitgenossen.

Das Drehbuch von Joachim Trier und seiner langjährigen rechten Hand Eskil Vogt ist eine leuchtende Geisterbahn im Herzen der Ängste seiner Figur, die den Anschein einer leichtfüssigen Fabel erweckt. Ein Zug, der sich verirrt und jedes Mal vom Gleis abweicht. Er besteht aus gesellschaftlichen Gespenstern, die Julie Geschichten vom Vergehen der Zeit, von zerbrochener Liebe und erzwungener Mutterschaft ins Ohr flüstern.

Nachdenklich, hyperaktiv, vielleicht auch ein wenig musikalisch bestückt und durch eine träge Kameraführung, durchlaufen wir Julies Stimmungen mit einer manchmal irritierenden Nähe. Dennoch ist die Regie klinisch, inspiriert, bedacht und herzzerreissend. Eine Reise, die die Schönheit von Joachim Triers Kino unterstreicht.

Adaptiert von Alejandro Manjon aus dem originalen Text von Théo Metais.

17.01.2022

3.5

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