Belfast Grossbritannien 2021 – 98min.

Filmkritik

Sehnsucht nach einer verklärten Vergangenheit

Gaby Tscharner
Filmkritik: Gaby Tscharner

Kenneth Branaghs halb-autobiografisches Drama ist voller Nostalgie für seine Kindheit während einer Konflikt-beladenen Zeit in Nordirland, dem eine gewisse Tiefe und ein politischer Ton fehlen.

Der 9-jährige Buddy (Jude Hill), sein älterer Bruder Will (Lewis McAskie) und deren Eltern (Caitríona Balfe und Jamie Dornan), schlicht Ma und Pa genannt, leben ein einfaches Leben im Belfast der späten 60er Jahre, als die religiösen Spannungen zu einem gewalttätigen Konflikt eskalieren. Pa ist oft weg, er arbeitet in England, und Ma tut, zusammen mit den Grosseltern Pop (Ciarán Hinds) und Granny (Judi Dench), ihr Bestes, um ihre Kinder nicht vom Bürgerkrieg-ähnlichen Konflikt traumatisieren zu lassen. Die Familie findet ihre einzige Zuflucht im Kino. Als Pa von militanten Nachbarn rekrutiert wird, er die Aufforderung aber zurückweist, muss sich die Familie entscheiden, ob sie aus Sicherheitsgründen ihre Heimat verlassen soll.

Meine Mutter sagte jeweils, einer der Vorteile des Älter-Werdens sei, dass wir uns nur noch an das Gute erinnern. Was landläufig als Nostalgie bezeichnet wird, spielt in Kenneth Branaghs Film «Belfast», der an seine Kindheit angelehnt ist, eine Hauptrolle. Die Geschichte wird ausschliesslich aus Buddys Perspektive erzählt. Die Kamera ist absichtlich tief gehalten, um den kindlichen Blickwinkel wiederzugeben und ihre Aufnahmen sind gespickt mit theatralischen Grossaufnahmen, u.a. von den etwas zu gut-aussehenden Eltern und dem allwissenden Grossvater, der für alle von Buddys Probleme eine Lösung hat.

Buddys Familie sind Protestanten, aber ihr Pfarrer, mit seinem roten Gesicht und sehr kurzem Geduldsfaden, zeigt, dass die Katholiken das Höllenfeuer nicht alleine gepachtet haben. Als die politische Situation in Belfast brenzlig wird, versteht Buddy die komplexen Hintergründe der religiösen Unruhen in seiner Heimat natürlich nicht. Sein grösstes Anliegen es ist, das Herz eines klugen Mädchens zu gewinnen. Ratschläge, wie er das bewerkstelligen soll, holt er sich jeden Nachmittag von Pop, wo er sich auf den geschlossenen Klodeckel setzt, als würde er in einem Beichtstuhl sitzen.

Kenneth Branagh beschreibt «Belfast» als seinen persönlichsten Film. Die Nostalgie für seine lang-vergangene Kindheit lässt ihn die Figuren aber unnötig idealisieren. Von Pop über die Eltern bis zum Schullehrer strotzen sie vor Charme, Scharfsinn und Selbstironie, was die Dialoge und Konversationen zwar zu den Perlen des Films macht, uns ist aber bewusst, dass niemandes Realität vor dem Hintergrund eines religiösen Bürgerkriegs so war. Der Film, seine Kamera, die alle Szenen in ein sauberes schwarz/weiss taucht, spielt den kindlichen Blickwinkel unnötig hoch und lässt Buddy etwas zu unbeschwert zur Musik von Van Morrison durch Belfasts Strassen hüpfen.

Vor lauter Nostalgie und kindlicher Perspektive wird der Konflikt zu wenig thematisiert. Buddy fragt ständig, was denn los sei, nur um von den Erwachsenen mit Floskeln über Toleranz abgespeist zu werden. Ein über 30-jähriger Konflikt, der als Zivilrechtsbewegung anfing, wird im Film als «The Troubles», die Probleme, bezeichnet und wird als «bloody religion» herunterspielt. Buddys Familie sind Protestanten, während seine Angebetete eine Katholikin ist. «Sie könnte eine vegetarische Anti-Christin sein, es wäre mir egal», versichert der tolerante Opa seinem Schützling. Um ihre Probleme zu verdrängen geht die Familie ins Kino. Als Buddy zum ersten Mal «Tschitti Tschitti Bäng Bäng» sieht, lässt der Film ungewollteErinnerungen an Guiseppe Tornatores «Cinema Paradiso» hochkommen.

Kenneth Branagh gibt zu, von Filmen wie John Boormans «Hope and Glory» oder Louis Malles «Au Revoir les Enfants» (Auf Wiedersehen, Kinder) beeinflusst worden zu sein, was seine Kritiker dazu verleitet hat, «Belfast» als manipulatives Mischmasch der Ideen anderer Leute abzutun. Das ist jedoch etwas zu einfach. Die Sorgfalt zum Detail, die Branagh in dieses Drehbuch hat einfliessen lassen, kann nur aus seiner eigenen Erfahrung stammen. Pops Ratschlag, wie sich Buddy an die Spitze der Klasse arbeiten soll, kann nur aus der Erinnerung der Autors stammen. Die Kritiker des Films vergessen auch, wie sehr der Film von seinen Zuschauern geliebt wird. «Belfast» war der Publikumsliebling der letztjährigen Filmfestival-Saison und gilt mit sieben Nomination als einer der diesjährigen Oscar-Favoriten. Etwas, das keiner von Branaghs anderen Filmen geschafft hat.

22.02.2022

3.5

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Kommentare

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Poletta

vor 3 Monaten

Den Film finde ich super. Alles ist perfekt. Ich möchte es wieder gucken. So muss es sein, wie ein Stück Kunst. Schwarz und Weiss für immer.


cinerat

vor 5 Monaten

Mein erster Film nach den Coronazeiten. Grossartig!


Chraebu58

vor 5 Monaten

Was für ein film einfach gigantisch auch schwarzweiss absolut oscar würdig ungescminkt einfühlsam und so wahr
Stell dir vor es ist krieg und niemand geht hin


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