Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien Deutschland 2020 – 124min.

Filmkritik

Ein Leben für die Kunst

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Der Regisseur, Autor und Aktionskünstler Christoph Schlingensief starb im Sommer 2010 an Lungenkrebs. 2020 wäre er 60 geworden. Aus diesem Anlass erinnert Bettina Böhler in dieser Doku an das künstlerische Schaffen des Enfant terrible.

Schlingensief galt als künstlerisches Wunderkind. Bereits mit Anfang 20 hatte er Lehraufträge an Kunsthochschulen inne, mit Mitte 20 war er Aufnahmeleiter einer der quotenstärksten TV-Serien der 80er-Jahre („Lindenstrasse“). Aufmerksamkeit als Filmemacher erlangte er mit seiner „Deutschlandtrilogie“ (ab 1989), bevor er sich später als von der Kritik gefeierter Theater-Regisseur etablierte – und an einigen der renommiertesten Häuser inszenierte (unter anderem im Schauspielhaus Zürich oder am Wiener Burgtheater).

In Böhlers „Montage-Film“ darf der Porträtierte gewissermassen über sich selbst berichten. Zumindest entsteht ein solcher Eindruck, denn zwischen all den Ausschnitten und Szenen aus Theaterinszenierungen, Filmen und radikalen Protestaktionen sieht man immer wieder Schlingensief wie er über sein Leben und Werk spricht. Nicht, weil er in hohem Masse Narzisst oder selbstverliebt wäre, sondern weil er letztlich dann doch meist mit den immer gleichen Fragen konfrontiert wurde: Geht es ihm um Kunst oder Provokation? Und was möchte er mit seinen Aktionen ausdrücken?

Endgültige Antworten spart der Film bewusst aus, was den Betrachter dazu auffordert, sich ein eigenes Bild zu machen. Informierende Off-Kommentare fehlen ebenso wie einordnende Interviews mit Weggefährten – was dem Film sehr guttut, denn jene Elemente und Stilmittel sind Bestandteil eines nahezu jeden dokumentarischen Porträts über (verstorbene) Künstler und wirken schnell einschläfernd. Stattdessen lässt Böhler die Bilder und Kunst des grossen Exzentrikers für sich sprechen.

Die Archivaufnahmen der politischen Aktionen nehmen dabei eine zentrale Stellung ein. Etwa wie Schlingensief 1998 mit seiner eigenen Partei in den deutschen Bundestagswahlkampf zog, zur Ermordung Helmut Kohls aufrief oder in Wien einen Container mit Asylsuchenden aufstellte. Die Menschen konnten, ganz in Big-Brother-Manier, durch Wählen bestimmen, wer den Container verlassen musste. Und damit das Land. All diese, sehr temporeich aneinandergereihten Aufnahmen verdeutlichen eindrucksvoll Schlingensiefs Kunst- und Selbstverständnis: Mit bewusster Persiflage und Brachialsatire den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Und, wie er in einer Talkshow sagt, Leidenschaft für das eigene Tun und Handeln an den Tag zu legen.

Über die Privatperson Schlingensief erfährt man hingegen nur wenig. Zwar fehlt Biografisches nicht völlig. Allerdings legt Böhler ihren Schwerpunkt klar auf die öffentliche Person und Künstlerpersönlichkeit, anstatt hinter die Fassade zu blicken und das wahre Wesen Schlingensiefs zu ergründen.

17.08.2020

3.5

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