CH.FILM

Moskau Einfach! Schweiz 2019 – 98min.

Filmkritik

Rollenwechsel am laufenden Band

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Micha Lewinskys rotzfreche Spitzelkomödie ist der seit Jahren lustigste und leichtfüssigste Schweizer Film.

Nein, offiziell mit einem „Insider“ arbeiten, das kann man bei der Zürcher Polizei auf die Schnelle nicht. Aber, meint Polizeichef Marogg, es spräche nichts dagegen, wenn der ihm unterstellte Polizeibeamte Viktor Schuler endlich seine längst fälligen Ferien beziehe. Und wenn Schuler in seiner Freizeit beim Zürcher Schauspielhaus dann ein wenig Theaterluft schnuppern möchte, würde man ihm das nicht verwehren.

So käme, aber das sagt Marogg nicht mehr explizit, die Polizei aus erster Hand an Infos über die linken Theaterleute, deren Treiben man misstrauisch überwacht: Man schreibt den Herbst 1989. Derweil die herrschende Weltordnung ins Wanken gerät und die Mauer in Berlin zu bröckeln beginnt, überwacht die Schweiz nach wie vor ihre Bürger. Über 900‘000 Fichen wurden vom Staatsschutz angelegt, rund 700‘000 Personen als suspekt eingestuft. Jüngst allerdings ist Bewegung in die Sache geraten und eine PUK im Einsatz, im November steht zudem die Abstimmung über die Initiative „Schweiz ohne Armee“ an, die Stimmung ist entsprechend angeheizt.

Schuler indes, Beamter von Leib und Seele und bis dato darauf spezialisiert, das linke Zürcher Lokalradio (LoRa) abzuhören, tut wie be- beziehungsweise empfohlen. Er gibt sich als Matrose und AKW-Gegner aus und bewirbt sich beim Schauspielhaus als Statist. Unter der Regie des Deutschen Carl Heymann probt man William Shakespeares „Was ihr wollt“; bis Viktor sich in die Schauspielerin Odile Lehrmann verguckt, erscheint ihm alles verdächtig.

Um Lug und Trug geht es in Shakespeares Stück, und darum geht es auch in Moskau Einfach!, wobei Regisseur Micha Lewinksy (Die Standesbeamtin) das Spiel um seine Figuren, die unablässig ihre Identitäten und Meinungen wechseln, lustvoll auf die Spitze treibt. Obwohl der „Fichenskandal“ für Betroffene zum Teil tragische Folgen hatte – im Film am Rande erwähnt ist der Fall eines Lehrers, der keine Stelle findet, – ist der Tonfall heiter. Die Dialoge sind spritzig, die Situationen köstlich komisch. Philippe Graber in der Hauptrolle ist sensationell, Mike Müller (Der Bestatter) hält ihm als Marogg souverän die Stange und Miriam Stein singt in einer der schönsten (weil frauenpowerigsten) Szene des Films „La petite Gilberte de Courgenay“ so inbrünstig, wie dereinst Anne-Marie Blanc im fast gleichnamigen Film. Obwohl vielleicht ein Hauch zu nostalgisch, ein bisschen zu harmlos, ist Moskau Einfach! eine herzhaft beschwingte und grossartig amüsante Schweizer Polit-Komödie.

10.02.2020

4.5

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Kommentare

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samuel450

vor 4 Stunden

„Moskau Einfach“ hätte in zweierlei Hinsicht das Potential zum grossen Kino. Es ruft ein unrühmliches Stück Schweizer Geschichte in Erinnerung und ist angesichts neuer Überwachungsmethoden zugleich brandaktuell. In einigen Szenen wird dieses Potential, insbesondere dank eines überzeugenden Hauptdarstellers, auch abgerufen. Die ganze Story ist aber insgesamt zu brav und zu einfach gestrickt (Schnüffler verliebt sich in seine Zielperson). Zudem wird die Story meiner Ansicht nach der Dimension dieser Fichenaffäre nicht gerecht. Man könnte den Eindruck bekommen, dies sei eine Aktion einiger schrulliger Beamten gegen ein paar Kulturschaffende gewesen. Dabei wurden hunderttausende Bürger aus allen Gesellschaftssichten beschnüffelt. Deshalb mein Fazit: Gute Ansätze, mehr aber nicht.Mehr anzeigen


thejuege

vor 2 Tagen

Super❤️


soda4yoda

vor 2 Tagen

Super! Gleiches feeling wie vor 42 Jahren bei Schweizermacher! 😍


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