Druk Dänemark 2020 – 117min.

Filmkritik

Den Pegel oben halten

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Grosser Gewinner beim Europäischen Filmpreis und zudem ausgezeichnet mit dem Oscar für den besten internationalen Film: Thomas Vinterbergs Tragikomödie „Druk“, die von einem eigenwilligen Trinkexperiment handelt, ist Kino, das auf erfrischende Weise provoziert und dank grossartiger Darsteller mitzureissen weiss.

Kurz nach dem Start der Dreharbeiten zu seiner jüngsten Regiearbeit stand der aus der dänischen Dogma-Bewegung kommende Vinterberg jedoch erst einmal vor einer der wohl schwierigsten Entscheidungen seines Lebens: Weitermachen oder abbrechen? Mit dieser Frage sah sich der Filmemacher nach dem Unfalltod seiner Tochter Ida plötzlich konfrontiert. Die Produktion wurde schliesslich auf seinen Wunsch hin fortgesetzt, was einiges an Kraft gekostet haben muss.

In „Druk“ begegnen wir dem Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelsen), der einen ausgelaugten Eindruck macht. Zu knabbern hat er nicht nur an seiner eingeschlafenen Ehe. Auch im Unterricht fehlt ihm schon länger das nötige Feuer, um die Schülerschaft zu begeistern. Genau aus diesem Grund drängt eine Elterngruppe darauf, Martin auszutauschen. Als er mit seinen Kollegen und Freunden Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe) in einer kleinen Geburtstagsrunde zusammensitzt, wird er sich seiner trostlosen Lage schmerzhaft bewusst. Wie der von den anderen zunächst aufgezogene Martin langsam die Fassung verliert, vermittelt der von der Kamera eindringlich beobachtete Mikkelsen auf ungemein nuancierte Weise. Ein erster Moment grosser Schauspielkunst.

Um die betretene Stimmung wieder aufzulockern und ihre allgemeine Unzufriedenheit zu bekämpfen, schlägt Nikolaj den anderen ein ungewöhnliches Experiment vor: Ausgehend von einer These, die besagt, dass Menschen mit zu wenig Alkohol im Blut geboren würden, sollen sie von nun an während der Arbeit stets einen Pegel von 0,5 Promille halten und im Rahmen einer Studie beobachten, ob sich dadurch ihre Leistungsfähigkeit verbessert. Nachdem sich schnell erfreuliche Ergebnisse einstellen, wollen Martin und seine Mitstreiter ihren Selbsttest auf eine neue Stufe heben.

Die Grundidee könnte auf eine Variation des US-Hits „Hangover“ hinauslaufen. Vinterberg und Co-Drehbuchautor Tobias Lindholm gehen aber nicht den einfachen Weg, sondern servieren dem Publikum eine bewusst aneckende Mischung aus Drama, Komödie und Satire, die diverse Bezüge zur Realität herstellt. Die Theorie, von der sich die vier Lehrer inspirieren lassen, stammt von einem Norweger namens Finn Skårderud. Wiederholt tauchen im Film Archivaufnahmen von Politikern auf, die bei offiziellen Anlässen angeblich betrunken waren. Und überdies gibt es diverse Verweise auf bedeutende künstlerische Persönlichkeiten, deren Kreativität durch den regelmässigen Konsum von Hochprozentigem massgeblich beeinflusst wurde.

„Druk“ erzählt keine klassische Läuterungsgeschichte, sondern changiert fortlaufend zwischen der befreienden Wirkung des Alkohols und seinen Kehrseiten. Manche Szenen, in denen sich die selbsternannten Probanden betrinken, sind, nicht zuletzt aufgrund der enthemmten Darstellerleistungen, schreiend komisch. Gewitzt und amüsant gestalten sich auch die Einblicke in die auf einmal schwungvoll ablaufenden Unterrichtsstunden. Besonders köstlich ist in diesem Zusammenhang Martins Politikerrätsel, das er in seiner Klasse veranstaltet.

Vinterberg zelebriert den Rausch in zum Teil entfesselten Bildern, bringt seine Figuren aber ebenso in schrecklich erniedrigende Situationen und blendet nicht aus, wozu permanenter Alkoholgenuss binnen kurzer Zeit führen kann. Dass er keinen pädagogischen Lehrfilm samt erhobenem Zeigefinger drehen wollte, demonstriert der Regisseur mit einem furiosen, bewusst provozierenden Finale. Der schöne Lerneffekt, der sich einer solchen Story überstülpen liesse, bleibt jedenfalls aus.

04.05.2021

4

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 3 Tagen

"Pädogogischer Eros" funktioniert glücklicherweise auch ohne Alkoholpegel.
Aber tierisch ernst löscht eben ab...
Insofern ein Plädoyer für mehr Leichtigkeit.
Und ein Film, gedreht mit "cieastischem Eros".


Eli

vor 3 Tagen

Nur den Schluss fand ich toll; allerdings ist Mads Mikkelsen ein ganz grosser Charakterkopf.


Patrick

vor 4 Tagen

Es macht Saufmässig Spass den Sympathischen Figuren beim Alkohol Experiment zu folgen! Der Film beginnt im Film~Still alla Hangover entwickelt sich mit der Zeit zu einem Drama mit Tiefgang das man mit einem Lachenden & Weinten Auge geniessen kan.Am Ende des Filmes möchte man voller Lebensfreude mit den Sympathischen Figuren mit Tanzen.Fazit:Das Movie ist Besonders Wertvoll !!! Dafür gibts von Mir 4.1/2 Promill von 5.Mehr anzeigen


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