CH.FILM

Von der Rolle Schweiz 2019 – 88min.

Filmkritik

Genderdebatte am Familientisch

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Verena Endtner begleitet drei Paare, die ihr Familienleben fern von traditioneller Rollenaufteilung gestalten: ein anschaulicher Beitrag zur heutigen Gesellschaftsdiskussion.

Machen wir 50 – 50? Oder du 80, ich 20? Oder vielleicht besser 40 – 60? Wenn ein Paar zur Familie wird, gilt es einiges zu überdenken. Finanzielles und Wohnliches. Aber auch Partnerschaft und künftige Rollenverteilung: Den nach den Jugendunruhen der 1980er geborenen heute 30-Jährigen sollte die Gleichberechtigung selbstverständlich sein. Fakt aber ist, dass in der heutigen Schweiz 80% der Familien mit kleinen Kindern nach dem traditionellen Modell aufgestellt sind: Der Mann sorgt fürs Einkommen, die Frau für Kind(er) und Haushalt.

Nicht so bei den Protagonisten im neuen Film von Verena Endtner (Glückspilze). Sie haben individuell andere Lösungen ins Auge gefasst und lassen sich bei deren Umsetzung über die Schulter gucken. Drei Jahre hat Endtner sie begleitet, zuhause und auf Ausflügen, manchmal ganze Familien, dann wieder nur ein Elternteil mit Kind(ern). Auch bei Diskussionen und Disputen war sie dabei. Und bei Gesprächen, in denen man freimütig von Ideen, Vorstellungen, Wünsche erzählte. Aber auch darüber redete, wie sich diese verändern: Familie sein ist ein steter Prozess, das Leben mit einem, zwei, drei Kindern ein immer wieder anderes. Oft ist es weniger der Nachwuchs, sondern äussere Umstände, welche Befindlichkeiten beeinflussen und einst Beschlossenes unerwartet schwierig oder obsolet erscheinen lassen.

Endtner beobachtet feinfühlig, mit dem Blick der Ethnografin. Sie ergänzt das Dokumentarische mit kurzen Zeichentricksequenzen (Animation: Nils Hedinger), welche mit spitzer Feder gezeichnet gängige Rollenbilder pointiert klischieren. Obwohl der Film keine allgemeingültigen Rückschlüsse zulässt, schildert er anschaulich aktuelle Themen und die Richtung, in die sich die Gesellschaft bewegt. Da, wo ein Mann erklärt, dass ein Haushalt zu führen nicht viel anders sei, als einen Bauernhof zu betreiben, und zuhause bleibt, derweil seine Frau, die gern mit beiden Beinen in der Berufswelt steht, täglich zur Arbeit fährt. Da, wo eine Juristin nach der Geburt des ersten Kindes sich nicht vorstellen kann, weniger als 80% zu arbeiten, nach der Geburt des zweiten aber gern mehr zu Hause wäre, derweil ihr Mann, Polymechaniker von Beruf, feststellen muss, dass er Teilzeit arbeitend Gefahr läuft, abgehängt zu werden. Und im Leben der Tänzerin und des Musikers, die sich trotz Kind selbst verwirklichen und alles 50:50 teilen, geht es exakt so turbulent zu, wie man es sich vorstellt.

21.02.2020

3.5

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