CH.FILM

Sous La Peau Schweiz 2019 – 85min.

Filmkritik

Menschliche Metamorphosen

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Robin Harsch begleitet in seiner Dokumentation drei junge Transgender-Menschen während der ersten Monate ihrer durch Hormon-Einnahme und Operationen eingeleiteten, körperlichen Veränderungen.

In Genf existiert seit 2015 „Le refuge“ – eine Anlauf- und Auffangstation für junge LGBTQIA+-Menschen. Hier verkehren auch die drei ProtagonistInnen von Sous la peau, Söan, Logan und Effie Alexandra, wie sie sich zum Schluss des Filmes nennen. Zu Beginn allerdings tragen die drei offiziell noch den ihnen bei Geburt verliehenen Namen, der zwar zu ihrer äusseren körperlichen Erscheinung passt, aber nicht zu ihrer gefühlten Gender-Identität.

Er habe sich eines Tages gefragt, meint Regisseur Robin Harsch, was er als Vater empfinden würde, wenn sein heute zweijähriger Sohn ihm eines Tages mitteilen würde, dass er sein Geschlecht ändern möchte. Diese persönliche Frage nimmt er als Ausgangspunkt seines Films, dessen Transgender-ProtagonistInnen er durch die ersten Monate begleitet, in denen sich ihre Körper bedingt durch Hormoneinnahme und Operationen zu verändern beginnen.

Der Kontakt zwischen Regisseur und ProtagonistInnen ist lose. Mal erzählt der/die eine, dann die/der andere. Jede Person erlebt längere Phasen, während denen man nichts von ihr erfährt. Medizinisches, sowie emotionale Krisen kommen zwar zur Sprache, werden aber nur diskret ins Bild gerückt. Es ist Sous le peau, in anderen Worten, ein sehr reflektierter, mit grosser Sorgfalt und viel Respekt gedrehter Film.

Patchworkartig wird dabei ein thematisch weites Feld abgesteckt. Die Frage nach dem Ergehen der ProtagonistInnen geht dabei einher mit der Frage nach der Befindlichkeit ihrer nächsten Angehörigen: Eltern, LebensgefährtInnen; auch SchulkameradInnen und Lehrpersonen. Über 70% aller Transgender-Menschen, erklärt eine Mitarbeiterin von „Le refuge“, trügen gemäss internationalen Studien suizidale Gedanken in sich, und fügt an, dass diese Gefahr sinkt, wenn junge Trans-Menschen von ihren Familien unterstützt werden.

Söan, Logan und Effie Alexandra haben Glück. In der Schweiz sind Geschlechtsidentität anpassende Eingriffe möglich, auch finden sie verständnisvolle Unterstützung. „Ob Tochter, oder Sohn – er/sie bleibt mein Kind“, bringt es eine Mutter auf den Punkt. Es sind diese Direktheit, sowie die unverfälschte Offenheit, mit welcher die ProtagonistInnen von ihren Erfahrungen berichten, die in Sous la peau eindrücklich vermitteln, wie beglückend es ist, wenn körperliche Erscheinung und Gender-Identität zusammenpassen – und wie ein Mensch leidet, wenn dem nicht so ist.

01.07.2020

4

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