Papicha Algerien, Belgien, Frankreich, Katar 2019 – 106min.

Filmkritik

Mode ist Politik

Michelle Knoblauch
Filmkritik: Michelle Knoblauch

Die russische Regisseurin Mounia Meddour präsentiert mit Papicha ein Drama um eine Schülerin im Algerien der 1990er-Jahre, die sich im Bürgerkrieg gegen das zunehmend verändernde Klima wehrt.

Algerien Ende der 90er-Jahre: Die 18-jährige Schülerin Nedjma (Lyna Khoudri) träumt inmitten des Bürgerkriegs davon, Modedesignerin zu werden. Mit ihrer Freundin Wassila (Shirine Boutella) schleicht sie sich abends zwischen den Zäunen der Universität hindurch davon und verkauft ihre Kreationen in Nachtclubs an junge Algerierinnen. Nedjma weigert sich, die durch den Bürgerkrieg hervorgerufenen Veränderungen in ihrem Land allzu sehr an sich heranzulassen und ignoriert die islamistischen Strömungen, die Frauen zwingen möchten, sich mit einem Hidschab zu bedecken.

Das Drama geht auf wahre Begebenheiten und persönliche Erlebnisse der Regisseurin zurück, "Papicha" steht für eine hübsche, fröhliche und freie Frau. Der Film ist Ende der 90er-Jahre im politisch aufgeheizten Algerien angesiedelt: Damals herrschte Bürgerkrieg zwischen der Regierung und verschiedenen islamistischen Gruppen, deren Ziel es unter anderem war, dass sich Frauen mit einem Hidschab bedecken. Der tragische Konflikt forderte über 150’000 Tote und vertrieb tausenden von Menschen aus dem nordafrikanischen Land. Mounia Meddour, deren Vater bereits ein Filmemacher war, wuchs in Algerien auf und besuchte die dortige Universität, bevor deren eigene Familie bedroht war und diese das Land verliess. Der Tod war vor der Flucht ein ständiger Begleiter, viele Freunde und Verwandte der Familie sind verschwunden.

Zu Anfang des Films ist von der ernsthaften Lage wenig zu spüren. Die allgegenwärtige Gefahr vermag die ausgelassene Stimmung der Studentinnen nicht zu drücken. Nedjma hält an ihrem Traum fest, den Durchbruch als Modedesignerin zu schaffen und Landsfrauen mit ihren Kreationen einzukleiden. Sie weigert sich, ihre Freiheit aufzugeben und ignoriert die Forderungen gewisser Glaubensbrüder, dass sich jede Frau hinter einem Hidschab verstecken soll. Nedjmas Leidenschaft für die Welt der Mode enthält eine symbolische Dimension: Die Islamisten fordern, dass Frauen ihre Körper verhüllen. Für die Regisseurin ist die Mode, die den Körper enthüllt und verschönert, eine Art des Widerstandes gegen die rückschrittlichen Forderungen.

Die Lebensumstände von Nedjma machen aus Papicha eine feinfühlige Coming-of-Age-Geschichte, in der es nicht nur um die Selbstfindung einer jungen Frau geht, sondern auch um deren Zukunft, die man ihr verwehren will. Nedjma hat diese Unschuld, aber gleichzeitig eine Wut, die einen im Innersten trifft. Meddour zeigt durch ihren erfrischenden Idealismus gemischt mit einem Hauch von Wahnsinn und Tod einen Aspekt der weiblichen Jugend Algeriens, die bereit ist, sich von den sozialen Vorstellungen eines veränderungsresistenten Landes zu befreien.

Lyna Khoudri spielt Nedjma sehr überzeugend und lässt den Zuschauer durch ihre feinfühlige Interpretation der rebellischen Studentin mit ihrer Figur mitfühlen. Dank sinnlichen Nahaufnahmen kommt man Nedjma nicht nur physisch nahe und beginnt, ihre Gefühle und ihre Denkweise nachzuvollziehen. Der starke Anfang verbirgt leider nicht, dass der Film gegen Ende hin etwas an Puste verliert. Trotz einer fesselnden Ausgangslage kann Papicha nicht die nötige Spannung erzeugen – auch, da viele Handlungsstränge sich sehr vorhersehbar entwickeln. Zu viele Nebenschauplätze fliessen ins Geschehen mit ein und es scheint, als wisse das Drehbuch nicht, wohin mit den vielen Figuren, weshalb einige Schicksale durch viele tonale Änderungen etwas gar abrupt aufgelöst werden. Sieht man darüber hinweg, überzeugt das atmosphärisch dichte Drama mit intimen Bildern und einer emotional dringlichen Thematik, in dessen Zentrum nicht Tod und Verzweiflung, sondern das Leben selbst steht.

10.09.2020

3.5

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 3 Tagen

Fragte mich, warum mich der Film nicht so ganz reinzog. Wahrscheinlich, wie es in der cinemanFilmkritik steht: Zu vieles war absehbar. Und das schlägt auch aufs Gemüt: Zu sehen, wie Integrist(innen!), religiöse Fanatiker, den "Stoff" des Filmes nur sehen als Stoff zum Verhüllen, Einsperren, Augen verdecken - vor allem auch im übertragenen Sinn.Mehr anzeigen


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