Les Misérables Frankreich 2019 – 102min.

Les Misérables

Filmkritik

Im Land der Elenden

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Das Drama Portrait de la jeune fille en feu galt als der heisseste Anwärter, um von Frankreich ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt zu werden. Ladj Lys brachialer Film Les Misérables kam jedoch wie aus dem Nichts und hat dem Drama den Rang abgelaufen. Weil die Geschichte, die der Film zu erzählen hat, aktueller kaum sein könnte: Der Film erzählt vom Leben in den Vorstädten und den dortigen sozialen Unruhen.

Stéphane ist neu bei einer Einheit der Verbrechensbekämpfung, die im Brennpunkt Montfermeil, einem Viertel voller Spannungen, aktiv ist. Zwischen Polizei und Gangs kracht es immer wieder. Es ist fast schon wie ein Krieg, in dem die erfahreneren Kollegen Chris und Gwada abgehärtet wurden, aber auch mit Methoden agieren, die ihren jungen Kollegen irritieren und abstossen. Als ein Löwenbaby aus einem Zirkus gestohlen wird und die drei Polizisten den Täter, einen Jugendlichen, festnehmen, eskaliert die Situation. Ein Junge wird schwer verletzt, eine Drohne hat alles gefilmt – und Montfermeil steht kurz davor, vollends im Chaos zu versinken.

Ly hat seinen Film dort angesiedelt, wo schon Victor Hugos Figuren aus seinem Roman „Die Elenden“ ihre Geschichte erlebten. Seitdem sind 150 Jahre vergangen, aber viel geändert hat sich nicht. Ly adaptiert nicht Hugos Roman, wohl aber Mechanismen, indem er einen Gejagten und seinen Häscher in den Mittelpunkt rückt, das Ganze aber deutlich auffächert. Und er betrachtet das alles durch das Prisma eines radikalen soziologischen Dramas, das auf grimmige Art und Weise sogar Humor besitzt, vor allem aber von einer unendlichen Wut getragen wird.

Die ist gar nicht mal so leicht greifbar. Auf die Politik vielleicht? Oder die Gesellschaft als Ganzes? Möglicherweise aber auch auf das Individuum, denn unschuldig ist in diesem Film kaum einer. Und dennoch kann man jede Figur verstehen. Die Polizisten, die sich in der Unterzahl befinden und sich fühlen müssen, als wären sie inmitten von Feindesland, und die Bewohner von Montfermeil, die sich von den Polizisten bevormundet und misshandelt fühlen.

Lys Film wirkt unmittelbar. Fast schon dokumentarisch. Die flirrende Kamera trägt viel dazu bei. Man fühlt sich hineingeworfen in eine Welt, vor der man am liebsten die Augen verschliessen würde, weil man sich ansonsten mit den Problemen auseinandersetzen müsste. Der Film drückt den Finger auf die Wunde. Er geht dorthin, wo es weh tut und kulminiert in einem Gewalt-Fanal, an dessen Ende es einen Hauch von Hoffnung gibt – ganz nach persönlicher Interpretation, denn eine ultimative Antwort liefert Les Misérables nicht.

03.01.2020

4

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 10 Tagen

Der Schluss km mir zuerst zu abrupt - liess zu vieles offen. Aber das war wohl gut so. Was noch zeigen? Das Zitat von Victor Hugo war stimmiger Schluss - für eine unstimmige Welt.


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