Kuessipan Kanada 2019 – 117min.

Filmkritik

Kuessipan

Filmkritik: Teresa Vena

«Kuessipan» heisst in der Sprache der Innus so etwas wie «Du bist dran». Die junge Mikuan nimmt die Herausforderung an, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, auch wenn das bedeutet, sich gegen die Traditionen ihrer Gemeinschaft, aber auch die Vorurteile der Menschen ausserhalb des Reservats zu stemmen. Das Spielfilmdebüt der Kanadierin Myriam Verreault ist individuelle Emanzipationsgeschichte wie gesellschaftliche Studie zugleich.

In der kanadischen Provinz Québec liegt die Grossgemeinde Sept-Îles und darin mehrere Reservate, die der amerikanischen Urbevölkerung vorbehalten sind. Dort leben Mikuan (Sharon Fontaine Ishpatao) und Shaniss (Yamie Grégoire), zwei beste Freundinnen seit der Kindheit. Während Mikuan aus einer liebevollen und stabilen Familie stammt, leidet Shaniss, bedingt durch die Abwesenheit des Vaters und die Alkoholkrankheit der Mutter, an Vernachlässigung. Mit ihrer frühen Schwangerschaft sowie dem alkoholsüchtigen und kleinkriminellen Partner reiht sich Shaniss als junge Erwachsene in den von der Gemeinschaft im Reservat vorgezeichneten Lebensweg ein, Mikuan hingegen will den Teufelskreis der letzten Generationen durchbrechen und sich der archaischen Mutterrolle entziehen. Sie wagt sich, in die Kultursphäre der «anderen» Kanadier vorzudringen, eine Konfrontation, die ihren Drang nach einem emanzipierten Leben nur weiter bestärkt. Schliesslich lernt sie Francis (Etienne Galloy) kennen, und plötzlich scheint die Welt ausserhalb des Reservats gar nicht so unerreichbar.

Angesiedelt ist diese Erzählung einer bedingungslosen Freundschaft und des Erwachsenwerdens in einem Umfeld, das nur selten im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Es sind die Mitglieder des Stammes der Innu, die in ihren Traditionen und ihrem Alltag porträtiert werden. Heute behandelt man amerikanische Ureinwohner, wie sie ehrenvoll bezeichnet werden, wie vom Aussterben bedrohte Tiere. Die Reservate sollen ihnen einen geschützten physischen Raum bieten, doch isolieren sie sie auch vom Rest der Bevölkerung, was ihnen nur sehr eingeschränkte persönliche Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Alkohol-, Drogen- und Spielsucht sind reale Probleme, die die Regisseurin von «Kuesspian» nicht etwa zu melodramatischen Zwecken übertrieben hat.

Im Gegenteil hat sich Myriam Verreault, die sich im Vorfeld bereits in zwei Dokumentarfilmen mit den Innus beschäftigt hat, mit ihrem Spielfilmdebüt respektvoll dem Thema genähert. Abgesehen von einer in gewissen Momenten etwas zu didaktischen Erzählweise gibt sie, ohne einen moralisierenden Tonfall anzuschlagen oder ein aufdringliches politisches Pamphlet anzustreben, einen einfühlsamen Einblick in eine gesellschaftliche Realität, die in erster Linie exotisch und fremd erscheinen mag, doch derart grundlegende Werte des menschlichen Zusammenlebens betrifft, dass sie zwangsläufig uns alle angeht.

Zu den üblichen Unsicherheiten und Ängsten, die den Weg zum Erwachsenwerden prägen, lasten auf den Protagonisten zusätzlich die Wunden eines ganzen Volkes, das aus seiner Herkunft Stolz schöpft, aber auch systematisch Diskriminierung erfahren hat. Dieser Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne sowie verschiedenen Kulturen spürt «Kuessipan» eindrücklich nach.

04.04.2022

4

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