In the Name of Scheherazade or the First Beer Garden in Tehran Deutschland 2019 – 75min.

Filmkritik

Bierträume im Iran

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Die iranische Filmerin Narges Kalhor (35) erzählt eine Geschichte zwischen Realität und Traum, sie zitiert dabei legendäre Geschehnisse aus «1001 Nacht». Kalhor verfolgt die Idee einer iranischen Bierbrauerin, die einen Biergarten in Teheran eröffnen möchte. Eine subversive Dokfiktion mit anarchischer Freude übers Filmen, Wünschen und Wahrnehmen.

Ihr Name steht für eine Erzählerin, die dem brutalen persischen König Schahryar Nacht für Nacht Geschichten darbietet, damit sie am Leben bleibt. Scheherazade bezirzt den Mann und gewinnt sein Vertrauen – eben nach «1001 Nacht». Diese berühmte Geschichtensammlung, angedeutet durch ein Figurenspiel, bildet sozusagen den märchenhaften Rahmen des Films, der zwischen grauer Wirklichkeit (dokumentarische Bilder) und Spiel, Wunsch und Wahrnehmung pendelt.

Die Iranerin Narges Kalhor suchte 2009 in Deutschland um Asyl und studierte von 2010 bis 2019 in München Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik. Nach verschiedenen Filmarbeiten im Iran (Darkhish – Die Egge, 2009) und in Deutschland (Shoot Me, 2013) hat sie zusammen mit Kamerafrau Julia Swoboda einen verzwickten Film realisiert, der verschiedene Elemente und Ebenen, Versatzstücke und Aufnahmen, dokumentarische und spielerische Szenen verknüpft.

Da wird ein Flüchtling aus Syrien den Mühlen der Bürokratie ausgesetzt und muss einem peniblen behördlichen Befrager detailliert Auskunft geben, etwa über die Adresse des zerstörten Elternhauses (es gibt keine) oder die verschiedenen Folterungen und Vergewaltigungen, der er ausgesetzt war. Da gibt ein Fernsehredaktor namens Steinbrecher aus dem Off seinen Schreibtisch-Kommentar zu Filmszenen und Aufbau des Films.

Ein durchgängiges Thema bildet die Geschichte einer Bierbrauerin, die sich in den Kopf gesetzt hat, in einem Park Teherans (persisch: Tehran) einen Biergarten nach bayrischem Muster zu eröffnen. Neben Erkenntnissen über die Braukunst, beispielsweise über die klösterliche Biertradition im bayrischen Andechs, erfährt man auch einiges über bürokratische Gepflogenheiten, Regeln und Verbote im Iran.

Narges Kalhor verschmilzt spielerisch, mal schelmisch, mal bierernst, Wunsch und Wirklichkeit, zweifelt, experimentiert und inszeniert mit anarchischer Freude, wobei nicht immer klar ist, wohin der Weg führt. Die Fantasie mischt sich in die Realität. Erwartungen werden geschürt und gesprengt. Am Ende bleibt ein (unfertiges) Puzzle übers Filmen, das jeder weiterspinnen kann – erfrischend, phantasievoll, aber auch sprunghaft und spinnig.

07.02.2020

3

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Kommentare

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Yvo Wueest

vor 8 Tagen

"Kraft und Magie des Geschichtenerzählens" las ich auf dem reichlich überfrachteten, zweisprachigen Flyer zum Film. Ähnlich erging es mir im Film. Da werden mehrere Fäden ausgerollt, doch nichts (überzeugendes) hält die Film-Geschichte zusammen. Empfehlenswert ist die Groteske trotzdem, denn vielleicht geht es hier um eine Farce aus Verzweiflung. Welche die Stimmung vieler junger Menschen aus dem Iran beschreibt. Und schon Scheherazade hatte bekanntlich die Fähigkeit, ihren Beherrscher mit interessanten Geschichten zu unterhalten. Damit dieser sie nicht köpft.Mehr anzeigen

Zuletzt geändert vor 8 Tagen


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