Hors Normes Frankreich 2019 – 114min.

Filmkritik

Eine zweite Chance für Härtefälle

Noëlle Tschudi
Filmkritik: Noëlle Tschudi

Mit Ziemlich beste Freunde lieferten Olivier Nakache und Éric Toledano ein ebenso berührendes wie amüsantes Werk, das sich zu einer der erfolgreichsten französischen Komödien aller Zeiten mauserte und über die Landesgrenzen hinaus für Furore sorgte. Nun setzt das eingespielte Team mit einer weiteren auf wahren Begebenheiten basierenden Tragikomödie nach – und übertrifft sich damit selbst.

Bruno (Vincent Cassel) und Malik (Reda Kateb) setzen sich seit zwei Jahrzehnten für rund 40 autistische Kinder ein, die sie zusammen mit von ihnen ausgebildeten jungen Menschen aus benachteiligten Verhältnissen betreuen. Ihr grösster Herzenswunsch ist es, jenen unter die Arme zu greifen, die – als Härtefälle geltend – von sämtlichen Institutionen abgelehnt werden. Der Haken: Nach dem französischen Gesetz wäre ihr selbstloser Einsatz strengstens verboten, eine offizielle Genehmigung für ihren Verein können sie nämlich nicht vorweisen.

Während Bruno und Malik sich ohne zu zögern und entgegen aller Widrigkeiten weiterhin besonders herausfordernder Fälle annehmen, scheinen gerade diese den zuständigen Institutionen ein regelrechter Graus zu sein. Mit den Behörden gegen sich sind die Betreuungsstellen der beiden von der Schliessung bedroht, doch das wollen die unnachgiebigen Gesetzesbrecher partout nicht hinnehmen.

Die in San Sebastián mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Tragikomödie wurde im Vorfeld ihrer Schweizer Premiere am Zurich Film Festival 2019 mit Spannung erwartet. Zu verdanken ist dieser Umstand nicht zuletzt vergangenen Erfolgen von Olivier Nakache und Éric Toledano, die als Regisseure und Drehbuchautoren einmal mehr ein goldenes Händchen für die Besetzung ihres Werks bewiesen haben.

Ihrer neuesten Zusammenarbeit wurde an der ZFF-Premiere schliesslich eine Standing Ovation zuteil – und das, obwohl sie im Jahr 2011 mit der in so einigen Punkten vergleichbaren Komödie Ziemlich beste Freunde die Messlatte beachtlich hoch gesetzt haben. Im Vergleich zur Geschichte dieser ungewöhnlichen Freundschaft präsentiert sich Hors Normes jedoch als deutlich gesellschaftskritischeres Werk, das im letzten Drittel überraschend fesselnd ausfällt, mit einem berührenden Finale schliesst und lange nachwirkt.

Hors Normes greift die Schwierigkeiten eines – alles andere als fehlerfreien – Gesundheitssystems im Umgang mit psychisch kranken Patienten auf und lässt dabei überdeutlich erkennen, dass die unkonventionellsten Wege manchmal die zielführendsten sind. Aufgeladen mit hochaktueller Gesellschaftskritik, dem herausragenden und emotionalen Schauspiel von Vincent Cassel und dem Einsatz aussergewöhnlicher Laiendarsteller ist Olivier Nakache und Éric Toledano eine bewegende Komödie gelungen, die einerseits ein tragisches Problem im französischen Sozialsystem beleuchtet, andererseits aber Hoffnung stiftend mitten ins Herz trifft.

05.12.2019

4.5

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

Filmenthusiast

vor 8 Monaten

Einzigartig


Coboii

vor 9 Monaten

Très touchant ! Ein Must für alle die etwas für andere Menschen übrig haben.


samuel450

vor 10 Monaten

Der Film ist ein starkes Plädyoer für eine inklusive Gesellschaft. Er nähert sich mit einer gelungenen Mischung aus Realitätssinn, Humor und Feingefühl einem Verein an, der mit unkonventionellen Mitteln Jugendlichen mit Autismus einen Platz in der Gesellschaft geben möchte. Dabei verfällt er in keinem Moment in Pathos oder Mitleid. Er zeigt nüchtern die Schwierigkeiten auf, die in unserem System der Inklusion im Weg stehen. Da sind etwa überforderte Kliniken. Dazu kommen weltfremde Behörden, die genial in zwei spröden Kontrolleuren personifiziert werden. Der Film zelebriert auch keine heile Welt oder mündet in ein Happy-End. Er konrfontiert die Zuschauer vielmehr mit der (harten) gesellschaftlichen Realität. Diese offenbart sich examplarisch beim jungen Mann mit dem Faible für Waschmaschinen. Trotz tadellosen Leistungen -wie es sein Chef selber sagt- kriegt er den Job nach der Probewoche nicht, weil er sozial aneckt.Mehr anzeigen


Mehr Filmkritiken

Dark Waters - Vergiftete Wahrheit

Tenet

The Assistant

Es ist zu deinem Besten