Gut Gegen Nordwind Deutschland 2019 – 123min.

Gut Gegen Nordwind

Filmkritik

Feuerwerk in Zeitlupe

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Ein E-Mail im falschen Posteingang bringt alles ins Rollen: «Gut Gegen Nordwind», Daniel Glattauers in 28 Sprachen übersetzte und in über 40 Theatern aufgeführte moderne Version eines Briefromans traf den Nerv einer breiten Leserschaft. Eine Erfolgsformel, die nun von Jane Ainscough für die Leinwand modifiziert und von Vanessa Jopp inszeniert wurde.

Eigentlich war es nur ein Buchstabe zu viel, den die pragmatische Emma Rothner (Nora Tschirner) mit dem Linguisten Leo (Alexander Fehling) zusammenbringt: Das Kündigungsmail ihres Zeitschriftenabos landet nicht beim Verlag, sondern im Posteingang von Leo Leike, der sich diese Verwechslung gewohnt ist und eine kurzangebundene, wenn auch eloquente Antwort folgen lässt. Doch damit ist die Unterhaltung noch lange nicht zu Ende: Angetan von der Schreibfertigkeit des jeweils anderen entwickelt sich eine intensive – zunächst platonische – Online-Freundschaft zwischen der quirligen Emma und dem philosophischen Denker Leo, in der die intimsten Geheimnisse preisgegeben werden. Schon bald stehen die beiden vor der schwierigen Frage: Liesse sich diese Chemie in ihr Offline-Leben übertragen – und würden sie das auch beide wollen? Denn Leo weint noch immer seiner Ex Marlene (Claudia Eisinger) nach, und Emma ist grundsätzlich glücklich mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Dirigenten (Ulrich Thomsen), und ihren zwei Stiefkindern.

Zunächst einmal stellt sich die Frage, wie man einen Briefroman – oder streng genommen E-Mail-Roman – als Film aufzieht. Den Reiz an Daniel Glattauers Bestseller macht aus, dass man nur die Unterhaltung zwischen den zwei Figuren liest und sich alles Weitere zum Leben der beiden – vieles angedeutet, noch viel mehr bis zum Schluss im Dunkeln gelassen – selbst ausmalen muss. Der Film versucht dies sehr clever zu imitieren, indem es eine Weile dauert, bis man Emma bzw. Emmi – ihr Name ist Leo zu altbacken – zum ersten Mal zu Gesicht bekommt. Schade nur, dass dieser Effekt durch den Bekanntheitsgrad der Besetzung ein wenig zunichtegemacht wird: Der Wiedererkennungseffekt ist gross, wenn Emmas E-Mails von Nora Tschirner aus dem Off vorgelesen werden – zusammen mit Spracheingabe zwei alternative Varianten, wie die E-Mail-Konversation zwischen Emma und Leo auf die Leinwand übertragen wird.

Ansonsten hat sich der Film mit seiner Besetzung aber einen Gefallen getan: Tschirner und ihr Leinwandpartner Alexander Fehling gehen mit authentischer Subtilität zur Sache und vermeiden so, dass Sätze wie „Emmi schreiben ist wie Emmi küssen“ allzu sehr in die Romantik-Falle tappen. Überhaupt schlägt Gut gegen Nordwind bis auf den dem etwas entgegenwirkenden Soundtrack eher die unterschwellig humorvollen, leisen und unaufgeregten Töne an – weshalb es vor allem für Zuschauer, die mit der Geschichte nicht vertraut sind, dauern kann, bis man sich an die Modalität des Films gewöhnt hat und die Chemie zwischen den zwei Hauptfiguren spürbar wird. Gleich wie das Buch lässt sich der Film Zeit, mithilfe von Wörtern den Funken überspringen zu lassen – was auf der Leinwand gelingt, wenn auch weniger intensiv. Auf das sprichwörtliche Feuerwerk wartet man beinahe bis zum Ende: Wenn sich der Alltag von Emma und Leo langsam zu verweben beginnt und die „virtuelle Insel“ der beiden durch einen Twist real werden könnte. Obschon die Auflösung kontrovers diskutiert werden kann, hat Vanessa Jopp dem Bestseller mit Gut Gegen Nordwind eine feinfühlige Leinwandversion verpasst, die sich beinahe ohne Kitsch mit den grossen Fragen rund um Schicksal, Alltagstrott und (Liebes-)glück befasst.

11.09.2019

3.5

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Kommentare

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jazmin_alma

vor 5 Tagen

Ich bin in diesem Film verliebt. Zweimal diese Woche gesehen


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