Deutschstunde Deutschland 2019 – 125min.

Deutschstunde

Filmkritik

Unpolitische Vergangenheitsbewältigung

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Die Freuden der Pflicht: In der Siegfried-Lenz-Verfilmung Deutschstunde geht es um die Verschmelzung von Schuld und Verantwortung während des Nazi-Terrors.

Siggi Jepsen (Tom Gronau) sitzt nach dem Krieg in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche ein. Sein Lehrer will, dass er einen Aufsatz zum Thema „Pflicht“ verfasst, allerdings fällt ihm nichts ein. Das ändert sich erst, als sich Siggi tags darauf in einer Zelle wiederfindet. Allein mit sich und seinen Gefühlen, überkommen ihn die Erinnerungen an seine Kindheit während des Krieges. Rückblende: Siggi (jetzt: Levi Eisenblätter) wächst in einem holsteinischen Dorf auf und leidet unter seinem strengen Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen), der als Polizist über Recht und Ordnung wacht.

Eines Tages belegt Jepsen seinen Jugendfreund, den Maler Ludwig Nansen (Tobias Moretti), mit einem Berufsverbot. Um sicherzustellen dass sich der Künstler daran hält, setzt Jepsen seinen Sohn auf Nansen an. Der gerät in eine emotionale Zwickmühle, verbindet ihn mit dem Künstler doch eine tiefgehende Freundschaft. Siggi entscheidet sich dazu, Nansen zu helfen und einige seiner Bilder verschwinden zu lassen – mit fatalen Folgen.

50 Jahre nach der Veröffentlichung von Siegfried Lenz‘ Jahrhundertroman wagt sich Regisseur Christian Schwochow an die filmische Bearbeitung des Stoffs. Oberflächlich und flüchtig betrachtet erzählt der Film eine zunächst altbekannt erscheinende, im Zweiten Weltkrieg angesiedelte Familiengeschichte mit reduzierter Handlung. Eine Betrachtung des geläufigen Schemas von Gut (Nansen) gegen Böse (Jepsen) vor dem Hintergrund des braunen Terrors.

Doch Deutschstunde geht tiefer. Das erkennt man schon daran, dass Themen wie die Judenvernichtung und andere deutsche Gräueltaten – Hitlers Angriffskrieg oder die NS-Propagandamaschinerie – im Film keine Erwähnung finden. Für Schwochow und seine Erzählung ist dies alles irrrelevant. Das führt dazu, dass der Film weit weniger politisch und anklagend erscheint als es bei anderen Filmen mit ähnlicher Thematik der Fall ist.

Es steht die moralische Frage nach persönlicher Schuld und Verantwortung im Zentrum.Und: Durch den fast völligen Verzicht auf Hintergrundinfos sowie eine mit historischen Fakten angereicherte Rahmenhandlungen, dreht sich alles um das brüchige Beziehungsgeflecht zwischen Jepsen, Nansen und dem jungen Siggi, der sowohl von Gronau als auch von Eisenblätter mit Willens- und beachtlicher Ausdruckskraft verkörpert wird. Hinzu kommen authentische Kulissen, detailgetreue Requisiten sowie mit dem Nordseedorf ein atmosphärischer, stimmungsvoller Handlungsort, der den Zuschauer glaubhaft in die Zeit zurückversetzt.

04.11.2019

4

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