Adults in the Room Frankreich, Griechenland 2019 – 124min.

Filmkritik

Adults in the Room

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Regisseur Costa-Gavras ist ein Spezialist für politische Stoffe. Er hat mit seinen Filmen immer auch Zustände anprangern wollen, oder direkt den Finger auf die Wunde gelegt. Dass der Grieche sich für die Umsetzung der Memoiren von Finanzminister Yanis Varoufakis interessierte, überrascht nicht. Die Geschichte, wie Griechenland immer mehr in oktroyierter Armut versank, hat schliesslich Potenzial. Besonders pikant: Der Film basiert nicht nur auf dem Buch, sondern auch auf Varoufakis‘ Aufnahmen der Euro-Gruppentreffen, die er heimlich mitgeschnitten hat und dem Regisseur zur Verfügung stellte.

Griechenland im Jahr 2015: Das Land steht vor dem Bankrott, gerettet werden kann es nur durch Hilfe der Euro-Gruppe, doch diese Hilfe ist mit einem hohen Preis versehen. Das Land muss sich fortan einem rigiden Sparkurs unterwerfen, droht damit aber, das Volk gegen sich aufzubringen. Der Druck auf die politischen Akteure ist immens, darunter auch Yanis Varoufakis. Sie alle werden von ihren eigenen Vorstellungen von richtig und falsch getrieben, während das Land im aufgezwungenen Sparkurs vollends vor die Wand fährt.

Wenn man dem Film eine Schwäche unterstellen will, dann ist es die erzählerisch klare Positionierung hinter Varoufakis, der mit seiner Arbeit als Teil einer reichlich inkompetenten linken Regierung auch nicht gerade ein Ruhmesblatt verdient hat. Der Film gibt sich jedoch parteiisch, ist dabei aber faszinierend, weil er tiefer und eindringlicher als praktisch jedes andere Werk zeigt, wie in den Hinterzimmern Europas Politik gemacht wird. Das sind die Momente, die den Film glänzen lassen. Hier spürt man auch Costa-Gavras‘ erzählerische Stärke, aber verglichen mit früheren Werken des Regisseurs ist «Adults in the Room» doch deutlich schlechter. Weil er in seiner Erzählweise an Tiefgründigkeit vermissen lässt. Die Fakten sind zwar alle da, aber sie werden kalt präsentiert.

Dabei sollte dies eigentlich eine Geschichte sein, die die Emotionen hochkochen lässt. Aber dazu fehlt irgendwie der Zugang, und das gilt sicherlich nicht nur für ein nichtgriechisches Publikum. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Grösse der Geschichte in der Konzentration eines Films leidet. Im Grunde ist dies der Stoff, aus dem eine Miniserie sein müsste, damit man komplexer die verschiedenen Seiten und den zeitlichen Handlungsablauf besser darstellen könnte.

Dennoch: Ein guter, ein politischer Film, der Schwächen hat, aber für ein Publikum, das sich mit ernsten Themen befassen möchte, durchaus interessant ist.

01.06.2021

4

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Kommentare

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jochen_schult

vor 20 Tagen

Ich habe die Filmpremiere 2019 in Athen gesehen und mit unglaublichem Erstaunen verfolgt, wie groß der Einfluss des Establishments auch auf die Filmverleiher war und ist. Es gab in ganz Europa keine Vorführungen... Meines Wissens ist die Schweiz das erste Land, in dem er gezeigt wird. Man will Varoufakis immer noch mundtot machen. Es bietet sich nach dem Genuß dieses Films an, sich die Euroleaks-Mitschnitte der Eurogroup-Sitzungen im Original anzuhören. Mit den Informationen, die wir heute haben, z.B. dass etliche Beteiligten "Fehler" zugeben mussten, dass das deutsche Bundesverfassungsgericht Schäubles/Merkels Grexit-Drohungen als verfassungswidrig eingestuft haben u.v.a.m. macht das Thema wieder hoch aktuell. Der Film gibt gut die Atmosphäre wider, ist hervorragend besetzt und lässt den Zuschauer miterleben, was 2015 geschah. Ich gebe die vollen 5*! Hier der link: https://diem25.org/euroleaks-the-full-2015-eurogroup-recordings-now-public/
Jochen Schult, AthenMehr anzeigen


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