Pity Griechenland, Polen 2018 – 97min.

Pity

Filmkritik

Glück im Unglück

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Ein Mann, der weint, um sich gut zu fühlen, dann zufrieden ist, wenn die ganze Welt ihn bemitleidet, sein Glück daraus zieht, unglücklich zu sein: Das ist die Prämisse im griechischen Drama Pity, das mit viel rabenschwarzem Humor eine Satire auf das Kleinbürgertum ist.

Der Protagonist in Pity (er bleibt bis zum Ende namenlos) hätte eigentlich alles, was er zu seinem Glück braucht: Einen herausfordernden Beruf als Anwalt, eine Wohnung am Meer, eine kleine Familie, bestehend aus seiner Frau und einem Sohn im Teenager-Alter. Als die Ehefrau des 45-Jährigen mit den akkurat zur Seite gelegten braunen Haaren und der markanten Clubmaster-Brille von Ray Ban nach einem Unfall ins Koma fällt und ihre Heilungschancen als gering eingestuft werden, entdeckt dieser aber erst sein richtiges Glück: Plötzlich bringt ihm die Nachbarin regelmässig Kuchen vorbei, um ihn und seinen Sohn auf andere Gedanken zu bringen, in der Wäscherei kriegt er vor lauter Erbarmen Rabatt, und alle um ihn herum fragen ihn nach seinem Befinden, scheinen sich plötzlich zu interessieren. An so viel Mitleid könnte man sich glatt gewöhnen…

Und das tut der introvertierte, leicht apathisch wirkende Mann, prägnant gespielt von Yannis Drakopoulos, auch: Er gibt sich seiner Trauer ganz hin, geht beinahe darin auf. So pfeift er zum Beispiel seinen Sohn zurück, als dieser ein heiteres Stück auf dem Klavier spielt, weint des Öfteren laut vor sich hin und erzählt allen bereitwillig, wie schlecht die Chancen für seine bedauernswerte Frau stehen. Als der selbsterklärte Pessimist dann eines Tages dringend in das private Krankenhaus gerufen wird, wo seine Frau seit geraumer Zeit gepflegt wird, scheint man deshalb genau zu wissen, welche Richtung die Handlung ab da einschlägt.

Mit seinem schwarzen Humor, den skurrilen Einfällen und den manchmal beinahe statisch wirkenden Schauspielern – angelehnt an das griechische Theater – ähnelt Pity schwer dem ebenfalls aus Griechenland stammenden Drama The Lobster. Kein Wunder, hat Regisseur Babis Makridis das Drehbuch doch zusammen mit Efthymis Filippou geschrieben, der wiederum auch am Skript zu Yorgos Lanthimos’ The Lobster mitgearbeitet hat. Einen deutlichen Unterschied gibt es aber nichtsdestotrotz zwischen den zwei Filmen: Während The Lobster von Anfang in bizarre Sphären abdriftet, bleibt Pity bis fast zum Schluss erstaunlich und erschreckend nahe an der Wirklichkeit.

Diese realistische Komponente ist es, die dem Drama eine schwere Note verleiht. Zwar gibt es dank schwarzhumorigen Einfällen einige heitere Momente im Film, grundsätzlich überwiegt aber der teilweise verstörende Ernst, was die Botschaft des satirischen Dramas hinsichtlich des Kleinbürgertums und dem Platz von Emotionen wie Mitgefühl und Trauer in unserer Gesellschaft umso eindringlicher macht. So wirft Pity definitiv berechtigte und interessante Fragestellungen auf, schlussendlich verlässt man den Kinosaal aber beinahe genauso deprimiert wie die Hauptperson des Films – nur, dass bis auf letztere diese Niedergeschlagenheit wohl kaum jemand geniessen kann, weshalb der Film wohl nicht jedermanns Sache sein wird.

21.05.2019

3

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