Birds of Passage Kolumbien 2018 – 125min.

Birds of Passage

Filmkritik

Aufeinanderprallen zweier Welten

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Ciro Guerra and Cristina Gallego erfinden mit ihrem Werk Pájaros de verano ein Genre ganz neu: Das einer Familie, die sich ganz und gar dem Verbrechen verschrieben hat. Man kennt Geschichten, in denen es um solche Familien geht, zuhauf – die beiden Filmemacher finden aber einen ganz anderen, mit der Kultur ihres Landes tief verwurzelten Ansatz, der dieses Werk zu etwas Besonderem werden lässt.

Im Kolumbien des Jahres 1968 legt eine Familie des matriarchalischen Wayuu-Stamms den Grundstein für den Drogenhandel, für den das Land Jahre später berühmt und berüchtigt sein sollte. Dabei fängt alles klein an: Rapayet verkauft Marihuana an Amerikaner des Friedenskorps. Doch schon bald blüht das Geschäft, und er wird zum reichsten Mann der Gegend. Doch dieser Reichtum kommt mit einem Preis, da auch andere Macht und Geld wollen – so beginnt ein blutiger Krieg, der das Leben und die Kultur des Stammes bedroht.

Es ist der starke Kontrast zwischen dem Drogenhandel und den damit einhergehenden Dingen sowie dem Leben eines eingeborenen Stammes, der diesen Film so eindringlich werden lässt. Weil die Wayuu eigentlich von materiellen Dingen nichts halten, weil sie die Aussenseiter, die alijunas, im Grunde dafür verachten, dass sie von Habgier getrieben sind. Aber sie selbst leben in einem feudalen Heim mitten in der Wüste, und die Matriarchin hat – während sie uralte Riten ausführt– eine schwere Rolex am Handgelenk. Das beisst sich, ist aber auch faszinierend. Weil hier der Einblick in eine für den Zuschauer komplett fremde Welt geboten wird, die des Stammes der Wayuu, das aber mit den Mitteln eines Crime-Films gemacht wird. Man kennt die Manierismen und Konventionen des Genres, die Filmemacher stellen diese aber auf den Kopf.

Der Film befasst sich in seiner Essenz mit der Destabilisierung traditioneller Lebensweisen. Man könnte ihn auch als einen Kommentar auf die Globalisierung lesen, die allem Guten zum Trotz auch etwas Gleichmacherisches an sich hat. Das Leben, wie die Wayuu es führten, wird so nie wieder existieren. Aus einer eigenen Schuld heraus, aber auch, weil sie von einer Welt eingekreist werden, in der diese Veränderung notwendig ist.

Pájaros de verano ist imposant, weil er dem Zuschauer etwas Neues bietet, das in gewisser Weise vertraut erscheint. Aber Guerra und Gallego gelingt es, ihren ganz eigenen Weg mit diesem Stoff zu beschreiten. Das ist kühn und mutig – das Werk von Filmemachern, die sich ihrer sehr sicher sind. Das Ergebnis ist ein vor Wirkkraft nur so brodelnder Film, der es verdient, gesehen zu werden.

19.10.2018

4

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