Mon tissu préféré Frankreich, Deutschland, Türkei 2018 – 96min.

Mon tissu préféré

Filmkritik

Flucht-Phantasien und andere Träumereien

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Gaya Jiji erzählt, wie sich eine junge Syrerin im Frühjahr 2011 unter dem Eindruck der Vorboten eines möglichen Krieges aus Damaskus hinweg träumt.

Seit dem Arabischen Frühling befindet sich Syrien im Unruhezustand und die wenigen syrischen Filme, die seit damals entstanden, erzählen fast unisono von Verwüstung und kriegerischen Gräueln. Doch es gab eine Zeit davor und eine Phase des Übergangs, in der manch einer ahnte, dass nichts Gutes kommen könnte. So auch Nahla, im ersten langen Spielfilm von Gaya Jiji. Man schreibt das Frühjahr 2011, Nahla lebt mit ihrer Mutter und zwei Schwestern in einem stattlichen Mietshaus mitten in Damaskus. Sie ist 25-jährig und arbeitet in einer Modeboutique, politisch nicht sonderlich interessiert, meidet sie die zunehmend häufiger stattfindenden Demonstrationen und Proteste. Ein einfacher Weg, um der bedrohlichen Situation zu entkommen, wäre die Heirat mit einem bereits ausgewanderten Landsmann, die ihre Frauen für gewöhnlich in ihrer alten Heimat rekrutieren.

Das erste Treffen mit Samir verläuft dann aber katastrophal. Der seit einigen Jahren in den USA lebende Damaszener entspricht Nahlas Vorstellungen von einem attraktiven Mann in keiner Weise und langweilt sie im Gespräch; das Desaster endet damit, dass Samir fortan um die Hand von Nahlas jüngerer Schwester anhält. Was Nahla nicht daran hindert, weiterhin ihren (erotischen) Phantasien nachzuhängen und zugleich ihre Geschichte mit Samir weiterzuspinnen. Sie beginnt sich von ihrer Familie abzugrenzen. Besucht immer häufiger ihre Nachbarin Jiji, in deren schick eingerichteten Wohnung junge Frauen hübsch zurechtgemacht ungehindert Männer empfangen; der Mann in Nahlas Träumen spricht Englisch, hat rotblondes Haar und seine Haut ist alabasterweiss.

Gaya Jiji hat Mon tissu préféré in raffinierter Mischung von politischer Realität und poetischer Weltflucht inszeniert, als eine Art Kammerspiel, in welchem die verschiedenen (Wirklichkeits-)Ebenen nahtlos ineinander übergehen. Nahla – sie wird verhalten gespielt von Manal Issa – nimmt dabei oft die Position einer Beobachterin ein. Nicht nur, wenn sie während einer Taxifahrt Eindrücke der ansonsten durch TV und Radio vermittelten Proteste erhascht, sondern auch, wenn sie durch halboffene Türen den anderen Frauen und ihren Liebhaber zuschaut. Obwohl Jiji zum Teil mit Archivmaterial arbeitet, wirkt Mon tissu préféré in vielem surreal-märchenhaft. Was anzuschauen verführerisch schön ist, in Anbetracht des Themas aber etwas irritierend wirkt.

04.06.2019

3.5

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 16 Tagen

Hilfreich sind Kenntnisse von Bibel, Koran und 1001-Nacht: Subtil eine Szene daraus, nur mit dem Rüstmesser und dann etwas Blut auf den Lippen - der 'Orientale' sieht darin "Josef und Potiphars Weib" - und hört den Vorspann zur Geschichte dann gleich mehrfach...


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