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Der Steingänger Schweiz 2018 – 109min.

Der Steingänger

Filmkritik

Menschenschmuggler im Piemont

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Ein alltägliches Thema: Menschen auf der Flucht. Der Italiener Nicola Bellucci stellt in seinem Bergthriller den Schleuser Cesare ins Zentrum. Er schmuggelt Flüchtlinge von Italien nach Frankreich. Ein Film noir aus den Bergen Piemonts – mit Luigi Lo Cascio, Bruno Tedeschini, Leonardo Nigro und Ursina Lardi.

Menschen auf der Flucht gibt es seit Menschengedenken – von der Bibel über die Weltkriege bis heute. Dem Flüchtlingsthema sind viele überdrüssig geworden. Manche versuchen, die Problematik auszunutzen oder zu verdrängen. Man hört von skrupellosen Schlepperbanden, eher weniger von Fluchthelfern. Gerade die stehen im Fokus des Romans «Der Steingänger» (2004) von Davide Longo. Diese Geschichte reizte den Filmer Nicola Bellucci aus Arezzo, der bis dato Dokumentarfilme wie Grozny Blues realisiert hatte. Nun also eine Flüchtlingsgeschichte aus anderer Perspektive. Es geht um Menschen in einem abgelegen Tal Piemonts, die einen verstecken sich, wollen flüchten, die anderen schachern oder helfen. Der Steingänger ist ein Thriller um einen Mord, um Ermittlungen, Eifersucht, Opferbereitschaft und Hoffnung.

Cesare (Luigi Lo Cascio) ist ein einsamer Wolf geworden. Er hat seine Frau verloren, als er im Gefängnis sass, hat seine Tätigkeit als Schleuser aufgegeben, auch weil sein Kumpan und Cousin Fausto begann, nicht nur Menschen, sondern Drogen über die Grenze nach Frankreich zu schmuggeln. Kaum auf freiem Fuss entdeckt Cesare an einem Wildbach die Leiche seines Cousins. Der örtliche Polizeikommandant Boerio (Leonardo Nigro), selbst in die Drogengeschäfte verwickelt, verdächtig ihn des Mordes. Die ermittelnde Kommissarin Sonia di Meo (Ursina Lardi) hat ihre Zweifel.

Der Verdächtige unternimmt eigene Nachforschungen. Die Verhältnisse sind verzwickt. Cesares Kumpan hatte ein Verhältnis mit Ania, der nunmehr schwangeren Frau des Sägereibesitzers Ettore (Bruno Todeschini). Und da ist noch Sergio (Vincenzo Crea), ein Jüngling, der seinem Vater zudienen muss, aber die (homosexuelle) Freiheit in Frankreich sucht. Er entdeckt eine Flüchtlingsgruppe in einer entlegenen Berghütte, die Fausto im Stich gelassen hatte und appelliert an Cesares Gewissen: Er animiert ihn, nochmals als Schleuser tätig zu werden.

Der originale Filmtitel «Il mangiatore di pietre» (übersetzt Steinbeisser oder -esser) bezieht sich auf ein Ritual, das Schleuser praktizieren. Ein Neuling wie Sergio muss einen Kieselstein im Mund behalten, solange die Aktion dauert. Nicola Belluccis düsteres Bergdrama, eine schweizerisch-italienische Koproduktion, erweist sich als Thriller mit Westernanleihen (der einsame Wolf, das Duell in den Bergen). Der spröde Film besticht durch eine authentische Kulisse (die Bergwelt Piemont), eindringliche Schauspieler und eine komplexe Geschichte. Geschildert wird auch die Tragödie eines Mannes, dessen Zeit abgelaufen ist. Der junge Sergio setzt ein Signal – das einer jüngeren Generation, die aufbricht und sich befreit. In seiner Kargheit und Schroffheit ein Meisterwerk über Menschsein, in dem Flüchtlinge «nur» Auslöser sind.

02.04.2019

5

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