CH.FILM

Eisenberger Schweiz 2018 – 94min.

Eisenberger

Filmkritik

Kunst gegen das Schubladendenken

Andrea Lüthi
Filmkritik: Andrea Lüthi

Christian Eisenberger macht Performances, Land- und Street-Art. Er baut Skulpturen und malt. Der anregende Dokumentarfilm des Schweizer Regisseurs Hercli Bundi bietet Einblick ins Schaffen des hyperproduktiven österreichischen Künstlers und widmet sich der grossen Frage: Was ist Kunst?

Er springt nackt durch eine Eisskulptur oder lässt sich komplett mit Klebeband umwickeln, um sich von innen herauszuschneiden. Vor Jahren wurde Christian Eisenberger bekannt mit seinen Figuren aus Altkarton, die er irgendwo in Städten hinterliess. Als er zu jener Zeit in Basel eine Schlafgelegenheit suchte, hatte Regisseur Hercli Bundi ihn kennen gelernt. Das freundschaftliche Verhältnis ist im Film spürbar; Eisenberger stellt Bundi Gegenfragen oder putzt schon mal dessen Kameralinse.


Rund 45‘000 Kunstwerke hat der vierzigjährige Eisenberger bereits geschaffen, und er gestaltet täglich Neues – mit einer beeindruckenden Energie, die im Film gut zur Geltung kommt. Er hantiert mit Klebeband, stellt sich direkt auf die Leinwand, um mit dem Spachtel grosszügig Farbe aufzutragen, oder er beräuchert beim Bauernhof seiner Eltern Pflanzen auf einem Papierbogen. Wie viel und wie vielfältig Eisenberger kreiert, wird deutlich durch die rasche Montage von Standbildern unterschiedlicher Kunstwerke und Aussagen von Galeristen oder Sammlern, die ihre Errungenschaften präsentieren.

Dem extremen Schaffensdrang begegnet man im Kunstbetrieb aber auch skeptisch: So hofft der Direktor des Künstlerhaus Graz, Eisenberger werde die überbordende Produktivität langsam mässigen, damit sich eine Linie herausschälen kann. Doch genau das will Eisenberger nicht, und er will in keine Schublade gesteckt werden – nicht mal in die Künstlerschublade: „Kunst ist eine Ausrede der Gesellschaft“, sagt er. Schnell wird klar: Hier bemüht sich einer nicht um Strategien und Erfolg oder wie er beim Publikum ankommt. Er tut, was er tun muss, aus innerem Antrieb heraus – selbst wenn seine gegenwärtige Galeristin frei heraus sagt, sie finde einige seiner neuesten Werke „einfach schlecht“.


Bundis Film ist kein klassisches Künstlerbiopic und dramaturgisch auch nicht so aufgebaut. Vielmehr nutzt der Filmemacher das Schaffen Eisenbergers, um allgemeine Fragen zu Kunst und Kunstbetrieb aufzuwerfen. Da geht es etwa um die gegenseitige Abhängigkeit von Kunst und Markt: Wird Kunst erst zu Kunst, wenn sie einen hohen Wert erzielt? Und warum ist es Kunst, wenn sich Eisenberger in eine Scheiterbeige einbetten lässt, nicht aber, wenn ich das tue?

Collagenartig präsentiert der Film unterschiedliche Ansichten und Einschätzungen von Sammler, Galerist, Kunstkritikerin, Künstlerin, Kurator und Kunsthändler bis hin zum kunstfördernden Pfannenfabrikanten. Das regt dazu an, die eigene Haltung zur Kunst zu reflektieren, Gedanken aufzunehmen und weiterzuspinnen. Was ist Kunst nun? Selbstverständlich bleibt diese Frage offen – und vielleicht macht das die Kunst mit aus.

25.03.2019

4

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Kommentare

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selinaburri

vor 7 Monaten

Humorvoll, überraschend, eigenwillig, - ein toller Film!


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