Der Junge muss an die frische Luft Deutschland 2018 – 99min.

Der Junge muss an die frische Luft

Filmkritik

Geburtsstunde eines Komikers

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Wo liegen die Wurzeln eines genialen Komikers wie Hans-Peter «Hape» Kerkeling? Er hat es selber in seiner Autobiografie «Der Junge muss an die frische Luft» beschrieben. Caroline Link hat dieses Kapitel Kindheit im Ruhrgebiet famos verfilmt – mit Jungdarsteller Julius Weckauf, der sogar Hape begeistert. Ein rührend humorvoller Blick zurück.

Das waren noch Zeiten, als das Telefon noch nicht überall verbreitet war und man selber vorbeikommen musste, als Kinder noch Cowboy und Indianer im Garten spielten oder sich «Bonanza»-ähnlich auf einem Pferd fühlen konnten. Wir tauchen ein in die Siebzigerjahre. Schauplatz Recklinghausen im Ruhrgebiet, als man noch rauchte wie die Schlote im Kohlenpott. Und aus dem Radio dudelte Roy Blacks «Du bist nicht allein».

Der pummelige Bengel, nicht gerade mit sportlichen Talenten gesegnet, heisst Hans-Peter (Julius Weckauf) und macht den Clown in der Familie. Mal imitiert er eine umtriebige Nachbarin, mal führt er seiner Mutter eine schwebende Jungfrau vor. Der Neunjährige will seine Mutter Margret (Luise Heyer) einfach nur aufheitern und zum Lachen bringen, denn die Mama leidet nach einer Operation an Geschmackverlust und Depressionen.

Einer der traurigsten Momente: Der Knabe kriecht zur Mama ins Bett, während sie dem Tod entgegen dämmert. Er erwacht und kann ihr nicht helfen. Hans-Peter ist geborgen im Kreis der Grossmütter (Ursula Werner, Hedi Kriegeskotte) und Grossväter (Joachim Król, Rudolf Kowalski). Der Vater (Sönke Möhring) ist meistens abwesend (auf Montage). Opa Willi (Król) ist es dann, der nach dem tragischen Todesfall den betrübten Knaben kurzerhand auf eine österreichische Ferienreise nimmt: «Der Junge muss an die frische Luft».

Regisseurin Caroline Link gelingt es nicht nur, ein stimmiges Zeitbild der Siebzigerjahre bis ins Detail zu zeichnen, sondern auch Leid und Freud, liebevollen Familienumgang und wunderbare Macken der Kleinbürger zu verbinden. Vor allem aber werden in kleinen Episoden quasi die Spuren des grossen Hape gelegt: Der witzige Knabe, der sich gern verkleidet, imitiert und verstellt, legte Figuren an, die später berühmt wurden. Bei einer Schulaufführung reisst er als Prolo-Hauswart die Eltern zu Lachstürmen hin. Man sieht förmlich den irren Trenchcoat-Prolo Horst Schlämmer, später verkörpert von Hape Kerkeling.

Der Film bewegt sich gewieft zwischen Tragik und Komik, da darf ein bisschen Kohlenpott-Schmalz schon sein – vom Herz fürs Herz sozusagen. Eine Wucht ist Jungdarsteller Julius Weckauf als Familienunterhalter Hans-Peter – nicht nur dass er Hape aus dem Gesicht geschnitten zu sein scheint, sondern auch eine tolle Portion natürlichen Charme und Witz rüberbringt. Wenn Weihnachtsfilm, dann dieser!

27.12.2018

4.5

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Kommentare

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Stefanspielberg

vor 21 Tagen

Selten so etwas Berührendes, großartig Gespieltes und Inszeniertes gesehen.


pitsu

vor 24 Tagen

Genial, ich steht ja sonst nicht grad so auf diesen Stil Filme, aber hier stimmt wirklich alles. Unbedingt schauen, genial und auch nicht zu deprimierend oder so, sondern ein Film der nachhallt und bewegt. ABSOLUTE BESTNOTE, das gibts nur ganz selten bei mir.


Patrick

vor 25 Tagen

Eine Hommage ans Erwachsen werden und an die 70.iger Jahre untermalt mit einer Ohrenerwärmenden Filmmusik.Die Darsteller Leistung und dessen Mimik Spiel ist eine Wucht.Dafür gibts die volle Punktezahl.


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