Capharnaum - Stadt der Hoffnung Frankreich, Libanon, USA 2018 – 120min.

Capharnaum - Stadt der Hoffnung

Filmkritik

Kindheit ohne Hoffnung

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

In Capharnaum geht es um eine entbehrungsreiche Kindheit im Armenviertel von Beirut – konsequent geschildert aus der Sicht eines libanesischen Jungen, der gegen seine Eltern vor Gericht zieht.

Zain (Zain Al Rafeea) steht vor Gericht. Nicht jedoch, weil er mit einem Messer einen Mann schwer verletzt hat. Für diese Tat wurde er bereits verurteilt. Der Grund für den Gerichtstermin: Zain hat seine Eltern verklagt, da sie ihn in eine Welt voller Armut geboren haben. Der Richter wird Zeuge von Zains Lebensgeschichte. Er erzählt von seiner Schwester Sahar (Haita Izam), die von den Eltern verkauft wurde. Oder von der Äthiopierin Rahil (Yordanos Shifera) und ihrem Baby Yonas. Nach Rahils Verschwinden kümmerte sich Zain um das Kind. Und schliesslich berichtet Zain, wie es zur Messerstecherei kam.

Capharnaum wird bei der kommenden Oscarverleihung ins Rennen um die Auszeichnung als bester fremdsprachiger Film gehen. Bereits im Frühjahr 2018 gewann das von Nadine Labaki inszenierte Drama in Cannes den Grossen Preis der Jury. Für Labaki, die auch als Schauspielerin tätig ist, ist Capharnaum nach Caramel (2007) und Wer weiss, wohin? (2011) die dritte Regiearbeit.

Dank ihrer dokumentarischen Umsetzung gelingt es Labaki problemlos, dem Zuschauer die dramatischen Lebensbedingungen in den Slums vor Augen zu führen. So filmte sie zum Beispiel an Originalschauplätzen ausschliesslich mit Laienschauspielern. Für ein hohes Mass an Unmittelbar und Realismus tragen zudem die unruhigen, mit Handkamera gefilmten Bilder bei, die einen exakten, beklemmenden Eindruck vom Leben weit unter der Armutsgrenze vermitteln.

Labaki inszeniert derart dringlich und dicht, dass einem bei einigen Szenen der Atem stockt – und man die Not von Zain (herausragend: Jungdarsteller Zain Al Rafeea) und seinen Geschwistern kaum mehr mit ansehen kann. Etwa wenn die Kinder in der nur wenige Quadratmeter grossen Behausung (mehr Zimmer als Wohnung) ihren Eltern beim Geschlechtsverkehr zuhören müssen – eng nebeneinanderliegend und seit Tagen ungewaschen. In diesen Momenten prüft Labaki nicht zuletzt auch die Leidensfähigkeit des Zuschauers.

Doch irgendwann ist die Grenze des Zumutbaren erreicht und Labaki nutzt das Leid ihrer Protagonisten zu sehr aus, um beim Betrachter Emotionen hervorzurufen. Gerade wenn sich Zain auch noch um Yonas kümmern muss. Die Folge sind einige reisserische, aufgesetzt wirkende Sequenzen: wenn Zain das Baby in einem rostigen Bollerwagen entlang einer viel befahrenen Strasse hinter sich herzieht oder die zwei beim Baden vergnügt im Wasser planschen. In diesen (oft niedlichen) Szenen entsteht beim Zusehen zunehmende Verwirrung: Soll man Heiterkeit oder Mitleid empfinden, soll man lachen oder weinen?

09.01.2019

3.5

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Kommentare

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Berufsromantiker

vor 9 Monaten

Ein Film wie eine Dokumentation; sehr echt und dennoch unterhaltsam. Mich berührt das Schicksal der Kinder sehr und es zieht mich runter. Es zeigt aber auch die Auswegslosigkeit dieser mir fremden Mentalität. Sind die Eltern an allem Schuld?


nick74

vor 9 Monaten

Heftig


Crious

vor 10 Monaten

Überwältigend. Der eindringlichen Anklage des 12jährigen entkommt keiner.


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