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Gateways to New York Schweiz 2018 – 88min.

Gateways to New York

Filmkritik

Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Sie zählt wohl zu den meist unterschätzten Konstruktionen unserer Zeit, die zwar häufig, aber oft völlig unbewusst genutzt wird: die Brücke. Othmar Ammann, ein Schweizer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert ist, hat sein Leben diesem Bauwerk verschrieben – und damit die architektonischen Massstäbe des Brückenbaus sowie das Stadtbild New Yorks merklich geprägt.

Bei einem Besuch im Big Apple ist der Gang auf der Brooklyn Bridge ein absolutes Muss. Das Stadtbild und auch das tägliche Leben New Yorks ist aber von vielen weiteren dieser Bauwerke geprägt, welche die Insel Manhattan mit den aussenstehenden Regionen verbinden. Zum Beispiel die George-Washington-Brücke. Oder die Verrazzano-Narrows-Brücke, welche als Verbindung zwischen Staten Island und Brooklyn dient. Ihnen gemeinsam: Sie wurden vom Schweizer Othmar Ammann entworfen und gebaut. Der in Feuerthalen nahe Schaffhausen geborene Schweizer wanderte 1904 nach New York aus, um dort sein Glück als Ingenieur zu versuchen. Mit Ausschnitten aus Briefwechseln, Bildern von damals und Aussagen von Zeitzeugen wird Ammanns Werdegang vom einfachen Immigrant zu einem der bedeutendsten Brückenbauer des 20. Jahrhunderts in der Doku Gateways to New York gezeichnet.

Dabei liegt der Fokus der Doku von Martin Witz nicht nur auf Ammanns bemerkenswerter Karriere und seinen persönlichen Erlebnissen als Einwanderer in der Weltmetropole – zunächst blieb zum Beispiel seine Partnerin und spätere Ehefrau in der Schweiz zurück – sondern portraitiert auch die Menschen und die Überlegungen, die hinter dem Bau einer solchen Brücke steht, die täglich tausende von Menschen von einem Ort zum anderen trägt. So kommen zum Beispiel ehemalige Arbeiter der Brücken zu Wort, die häufig Native Americans aus dem Stamm der Mohawks waren und, nun pensioniert und zurück in ihrer Heimat in Kanada, von ihren riskanten Arbeiten in schwindelerregender Höhe erzählen. Nicht selten kam es dabei zu Unfällen: Pro Million Baukosten wurde mit circa einem tödlichen Unfall gerechnet.

Ein Umstand, dem Othmar Ammann bei der Beratung zur Golden Gate Bridge Rechnung trug: Dank ihm wurden nach hartnäckigen Verhandlungen Sicherheitsnetze angebracht, sodass die Arbeiter bei einem Ausrutscher nicht in den sicheren Tod fallen würden. Der Artist in Steel, wie er von der Presse genannt wurde, wird im Film als ruhiger, überlegter und dennoch visionärer Mann gezeigt, der es mit viel Fleiss, Durchhaltevermögen, ein wenig Mut und der Präzision eines Schweizer Uhrwerks zu einem der bedeutendsten Brückenbauer des 20. Jahrhunderts gebracht hat. Anhand dieser inspirierenden Persönlichkeit zeigt Gateways to New York auch, wie sich die amerikanische Gesellschaft gewandelt hat und wie New York langsam zur Weltmetropole wurde, die sie auch heute noch ist. Spannende Einsichten in ein bewegtes Leben und eine bewegende Stadt machen Gateways to New York absolut sehenswert.

28.05.2019

4

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Kommentare

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Annemarie.Ulrich

vor 5 Monaten

Absoluter Hammerfilm, and really magic, ich habe ihn zweimal reingezogen. Was mir besonders gefällt, ist, dass man den Indianer endlich eine Plattform gibt und ihre lebensgefährlichen Einsätzel gebührend hervorhebt. Ein absoluter must see Film!


Mortimer1957

vor 6 Monaten

Ein sehr gut gemachte Dokumentation der Zeit, als der amerikanische "Rust Belt" noch nicht rostig war und es kein Verschnaufen in er Jagd nach "Immer grösser, höher, weiter" gab. Man versteht gerade auch nach solchen Bildern, an was für starke Gefühle ein Trump appellieren kann, wenn er die Platte vom "Make America Great Again" auflegt ...Mehr anzeigen


cinerat

vor 6 Monaten

Ein grossartiger Film über einen erstaunlichen Landsmann. Ein Film über Mut und Mobilität, Zukunftsglauben und, ja, Brücken. Guckst du!


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