Wajib - Verpflichtung 2017 – 96min.

Wajib - Verpflichtung

Filmkritik

Roadtrip durch Nazareth

Leslie Leuenberger
Filmkritik: Leslie Leuenberger

Für die Hochzeit seiner Schwester kehrt Shadi nach jahrelanger Absenz in seine Heimat zurück: Nazareth im Norden Israels. Dort soll er als erstes seinem Vater Abu helfen, den Gästen die Hochzeitseinladungen persönlich zu überbringen. So will es der palästinensische Brauch. Vater und Sohn fahren also im alten Volvo durch ganz Nazareth. Schnell ist klar: Die Stimmung zwischen den beiden ist angespannt.

Die engen Platzverhältnisse eines Autos sind eher suboptimal, wenn zwei so verschiedene Weltbilder aneinander klatschen: Abu hat seine Heimat nie verlassen, sich mit den Lebensverhältnissen als Araber in Nazareth arrangiert und arbeitet seit Jahren als Lehrer unter Beobachtung der israelischen Behörden. Architekt Shadi lebt mit seiner palästinensischen Freundin zusammen in Rom und bringt mit seinen lässig roten Jeans italienische Hipsterkultur mit nach Hause. Die Frustration zeigt sich auf beiden Seiten: Abu tut sich schwer mit Shadis Freundin. Besonders mit deren – ebenfalls im Exil lebenden – Vater, der ein wichtiges Tier bei der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO ist. Laut Abu ein naiver und elitärer Haufen, der keine Ahnung vom realen Leben in Palästina hat. Shadi hingegen verurteilt seinen Vater dafür, dass er aus Pflichtgefühl den israelischen Rektor zur Hochzeit einladen will. Dieser arbeite offensichtlich als Spion. Es sind heftige Zusammenstösse von Pragmatismus und Idealismus, Tradition und Moderne, Palästinensern im Exil und Palästinensern in Israel. Dazu kommt der Konflikt um die ominöse Mutter, welche die Familie verlassen hat und mittlerweile in den USA lebt.

Die Hauptdarsteller: Mohammad Bakri und Saleh Bakri – nicht nur zwei der bekanntesten Schauspieler im arabischen Raum, sondern auch im wirklichen Leben Vater und Sohn. Eine Chemie, die man spürt und das Spiel der beiden umso authentischer macht. Die Filmemacherin: Annemarie Jacir, in Bethlehem geboren, studierte in New York und lebte lange in Jordanien, da ihr die Einreise nach Palästina verwehrt wurde. Sie gilt als Pionierin des palästinensischen Kinos. Ihr Film Like Twenty Impossibles wurde als erster palästinensischer Kurzfilm ins Programm von Cannes gewählt. Wajib – Verpflichtung ist ihr dritter Spielfilm, welcher am vergangenen Locarno Filmfestival mehrfach ausgezeichnet wurde.

Der politische Hintergrund ist in Jacirs Geschichte unausweichlich gegeben. Dennoch wird einem als Zuschauer keine politische Aussage aufgedrückt. In Wajib – Verpflichtung geht es darum, was der politische Konflikt mit dem einzelnen Menschen macht. Und noch mehr: Was er in den Beziehungen untereinander auslöst. Annemarie Jacir erzählt diese komplizierte Familiengeschichte mit viel Feingefühl und Raffinesse. Das palästinensische Leben beschreibt sie authentisch, mit viel Herz und Humor. Fazit: Wajib– Verpflichtung ist ein wunderschöner Feel-Good-Movie.

02.03.2018

5

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 6 Monaten

Unspektakuläre Story: Vater und Sohn im Auto. Aus dem Autoradio kommt ständig die (politische) Realität eingespielt. Und doch passiert ständig was. Mitunter hochdramatisch. Subtiler Humor, manchmal so fein angedeutet, dass gar nicht gezeigt, aber das Publikum sich die Sache weiterdenkt. Und - lange so nicht mehr erlebt - oft herzhaft lacht. Einmal wird statt arabisch hebräisch gesprochen, nicht unbedeutend, aber nicht für alle hörbar. Diese Dimension (nicht nur in diesem Film) ist im Untertitel schwer abbildbar... Und schön, mal der kleinen christlich-arabisch Gemeinschaft eine Stimme zu geben.Mehr anzeigen


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