The Florida Project USA 2017 – 111min.

The Florida Project

Filmkritik

Die Kehrseite von Florida

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Sie schlagen sich mehr schlecht als recht durchs Leben im sonnigen Florida: die arbeitslose Stripperin Halley und ihre sechsjährige Tochter Moonee. In seinem tragikomischen Sozialdrama wirft Sean Baker einen ungeschönten, aber liebevollen Blick auf «arme Leute» - mit einer hinreissenden Brooklynn Prince als Wildfang Moonee.

Sie zieht mit ihren Freunden um die Häuser, veranstaltet Wettspucken, bombardiert leer stehende Villen mit Steinen und hat auch sonst einige Flausen in ihrem Köpfchen. Die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince) tobt sich aus, ein frecher Wildfang. Die blutjunge Mutter Halley (Bria Vinaite) ist schwach, lässt sie gewähren, nimmt die Göre wenn möglich in Schutz, hat aber hauptsächlich mit sich selbst zu tun. Halley kifft, lungert herum und kriegt kaum die «Kröten» für die Zimmermiete im Motel zusammen, seitdem sie als Stripperin auf die Strasse gestellt wurde. Halley, mehr Tattoo-Beauty und Hippie denn Erzieherin, trickst, verscherbelt billige Parfüms zum «Schnäppchenpreis» und bedient auch Männer in ihrer Motelabsteige. Das geht eine Zeit lang gut, auch weil der scheinbar schroffe, aber herzensgute Motelmanager Bobby (Willem Dafoe) als Retter in der Not aushilft. Aber als die Cops auftauchen und Halley in Gewahrsam nehmen wollen…

Bei The Florida Project handelte es sich ursprünglich um jenes Disney-Projekt, das 1965 vorgestellt wurde und dann 1971 als Disney World in Orlando eröffnet wurde. In der Nähe dieses weltbekannten Vergnügungsparks findet man eben jenes «Magic Castle Inn» ganz in Violett, in dem die aus der Bahn geworfene Halley samt zügellosem Töchterchen haust. Die bescheidene Bleibe hat weder etwas mit einem Castle noch mit der vergnüglichen Disney World zu tun, es sei denn ein paar Besucher steigen dort mal ab. Ironie der Realität – ganz bewusst hat Sean Baker (Buch, Regie, Produktion) diesen Schauplatz gewählt – als schroffer, armseliger, wenn auch farbiger Gegensatz zur Vergnügungsillusion à la Disney.

Ebenfalls bewusst erzählt er seine Geschichte aus Moonees Perspektive, sozusagen auf Augenhöhe. Sein ungeschöntes Sozialdrama beschreibt ein Leben am Existenzminimum mit seinen Schattenseiten und kriminellen Fehltritten. Es wirkt ungemein lebendig und authentisch. Das ist den Laiendarsteller, einem überzeugenden Dafoe und der burschikosen Brooklynn Prince als pfiffige Moonee zu verdanken, aber auch Valeria Cotto und Christopher Rivera als ihren Freunden. Dass die Sonne Floridas die Probleme der Erwachsenen nicht wegschmelzen kann, versteht sich, doch die kindliche Unbefangenheit tröstet über die real existierende Existenzarmut hinweg: Sie verbreitet einen leichten Hoffnungsschimmer.

08.02.2018

4

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Kommentare

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Patrick

vor 9 Monaten

Story mässig gibt The Florida Projekt nicht viel her,aber das Altags Leben in einem Ghetto Block ist Filmisch und Darstellerisch famos umgesetzt.Grösstenteils wurden die Darsteller von der Strasse oder von Instagram zusammen getrommelt.Willem Dafoe(ist für diese Rolle Oscarnominiert) spielt seine Rolle sehr liebenswürdig und ist somit Balsam für den Film sowie die Bewohner des Ghetto Block.Ich gebe dem Film 3.1/2 Sterne von 5.Mehr anzeigen


Berufsromantiker

vor 9 Monaten

Ja, dies ist eine Gesellschaftsgruppe, die in den amerikanischen Filmen bisher unterrepräsentiert war; aber der Film war für mich nicht so prickelnd, wenn ich an die Dummheit und Verlogenheit der Mutter denke.... sehr real, aber der Unterhaltungswert?!


selinaburri

vor 9 Monaten

WUNDERBAR!


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