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La belle et la meute - Aala Kaf Ifrit Frankreich, Libanon, Norwegen, Katar, Schweden, Schweiz, Tunesien 2017 – 100min.

La belle et la meute - Aala Kaf Ifrit

Filmkritik

Persönliche Tragödie trifft auf institutionelle Gefühllosigkeit

Noëlle Tschudi
Filmkritik: Noëlle Tschudi

Was zunächst nach einer Liebesgeschichte aussieht, wird schnell schon zum Martyrium, welches mit einer Vergewaltigung der Studentin durch drei Polizisten seinen Lauf nimmt. La Belle et la Meute ist ein Thriller nach wahren Begebenheiten, welcher das Aufeinanderprallen einer persönlichen Tragödie mit institutioneller Gefühllosigkeit skizziert und einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Die Studentin Mariam aus Tunis ist eine junge Frau wie viele andere: Sie studiert und geht gerne mit ihren Freundinnen in den Ausgang. Eines Nachts aber sollte sich ihr Leben schlagartig ändern. Sie organisiert einen Discoabend, lernt an diesem den jungen Mann Youssef (Ghanem Zrelli) kennen und begleitet ihn ins Freie. Ein harter Schnitt setzt dem potentiellen Glück ein verstörendes Ende. Die nächste Szene zeigt Mariam (Mariam Al Ferjani), die dicht gefolgt von Youssef durch die Strassen rennt. Nach einer Vergewaltigung durch drei Polizisten versucht sie im Laufe einer Nacht Anzeige zu erstatten und wird dabei mit einem durch offene Feindseligkeit und Indifferenz geprägten Männersystem konfrontiert.

Die tunesische Regissseurin Kaouther Ben Hania hat den Mut, in La Belle et la Meute das Frausein im arabischen Raum zu thematisieren und präsentiert in ihrem Film damit ein mit Fetzen der Realität bestücktes Zitat. Er basiert auf einer wahren Begebenheit, welche sich im Jahr 2012 ereignete und in den tunesischen Medien hohe Wellen schlug. Nun bemüht sich Kaouther Ben Hania, die ihre Karriere mit Dokumentarfilmen begonnen hatte, durch ihren Spielfilm über die Frauen zu reden, deren Stimmen nicht gehört werden.

Der Film lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf ungeheuerliche Missstände, enthüllt institutionelle Gefühllosigkeit in Tunis und führt einem vor Augen, wie schnell ein Opfer in die Täterrolle gedrängt werden kann. Kaouther Ben Hania trägt durch ihr Werk einen wichtigen Beitrag für den Diskurs des Frauseins im arabischen Raum bei. Dennoch hinterlässt der Film einen schalen Nachgeschmack: So ehrenvoll ihr Versuch sein mag, dem Publikum die Augen zu öffnen, eine öffentliche Diskussion ins Rollen zu bringen und die lamentable Moral des im Film vorgeführten Männersystems in Tunesien anzuprangern, so ungeeignet erscheint die Gattung des Spielfilms dafür. Obwohl der Film einige eindrückliche Planszenen aufweist und zudem durch eine überzeugende Leistung der aufstrebenden Hauptdarstellerin punktet, beschleicht einen das Gefühl, dass das Grauen dieser Thematik besser in einer Dokumentation aufgehoben gewesen wäre und in dieser Form mehr Zuschauer erreicht hätte. Stattdessen wird deutlich, dass die Regisseurin sich von der Dokumentation zu distanzieren versucht und sich dem Genre des Spielfilms annähern will, dabei aber den Gebrauch dramaturgischer Mittel, wie zum Beispiel der Filmmusik oder interessanter Bildkompositionen vernachlässigt – nichtsdestotrotz wird es der Thriller dennoch schaffen, Aufmerksamkeit zu erregen.

28.11.2017

3

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Kommentare

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Yvo Wueest

Ben Hania gehört zu den Regisseurinnen aus dem Norden Afrikas, deren Namen wir uns merken sollten. Hier serviert sie uns eine an Kafka erinnernde Odyssee, die nichts mit Popcorn zu tun hat. Sie zeigt uns eine mutige Frau in einer Übergangsgesellschaft, in der grundlegende Rechte, besonders für Frauen -trotz Sturz der Diktatur im 2011- noch immer zur Disposition stehen.
Wir schauten den Film in einer kleinen Männergruppe und führten später gute und tiefe Gespräche darüber, warum der Kotzbrocken im Film, statt die Frau und ihren Hilfeschrei endlich ernst zu nehmen (#MeToo-Debatte), sich lieber über den verwässerten Kaffee aus seinem Automaten mokiert.

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