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Das Erste und das Letzte Schweiz 2017 – 91min.

Das Erste und das Letzte

Filmkritik

Am Ende bei sich selber ankommen

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Kaspar Kasic begleitet eine Frau durch ihre letzten Monate. Er macht mit ihr Ausflüge, vor allem aber hört er zu. Dabei wird er Zeuge, wie in der Rückschau auf ihr Leben – überschattet von einer schwierigen Kindheit – bisher Unerklärliches plötzlich in Zusammenhang rückt und Sinn ergibt.

Was tut man, wenn sich der Tod verspätet? Wenn an eine Rückkehr in den Normalalltag nicht zu denken ist, man aber trotzdem noch zu leben hat? Die Psychologin Jacqueline von Kaenel, an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, nutzte die Zeit, um sich mit ihrer Biografie auseinanderzusetzen. Und sie liess, auf dessen Bitte, Kaspar Kasic daran teilnehmen.

Ihre innerliche Reise beginnt mit der Erinnerung an den Vater, der von der Arbeit kommend sich zu Hause ans Klavier setzt, und dem Gefühl von Geborgenheit, das sich für Jacqueline daraus entwickelt. Sie ist das zweite von vier Kindern. Ihre Familie lebt in den 1960er-, 1970er-Jahren erst in Madrid, später in Barcelona. Ihr Vater kommt aus Bern, arbeitet in gehobener Stellung bei Sulzer. Man lebt im eigenen Haus, geht auf den Golfplatz, die Kinder besuchen die deutsche Schule. Die Mutter stammt aus dem preussischen Adel. Sie sorgt zu Hause für Ordnung, schaut, dass sich die Familie standesgemäss präsentiert: Eingeblendete Fotos zeugen von Idylle. Die Mutter weist jedem Kind eine Nummer, eine Farbe zu. Jacqueline, die Nummer 2, trägt Blau. Mutters Kleiderordnung ist strikt einzuhalten. Sie kontrolliert die Hausaufgaben, die Freizeit, die Musikübungen – eigentlich jede Minute im Leben jedes ihrer Kinder.

Es war, bricht es irgendwann aus von Kaenel heraus, nicht lustig. Danach drängen, so gegenwärtig, als ob ihr ganzes Erwachsenenleben ausradiert wäre, andere Erinnerungen an die Oberfläche: Erinnerungen an Schläge und an Striemen auf dem Rücken, für die man sich als Kind schämt. Erinnerungen an einen pubertären Selbstmordversuch und Besuche beim Psychiater. Damals, sagt von Kaenel, habe sie sich einen innerlichen Freiraum zu erhalten gelernt. Und doch taucht die Frage auf, wieso man das so viele Jahre lang mitmacht. Die Kindheit entpuppt sich als Schlüssel zum späteren Leben. Zur Berufswahl, einer unglückliche Ehe, der Angst vor der eigenen Mutterschaft.

Kasic hat von Kaenel zugehört. Sie begleitet. Auf einem Spaziergang am Uetliberg, einem Gang über den Jahrmarkt. Die Krankheit wird kaum thematisiert, einmal ist die Rede von gegenwärtig gefühltem Nahen des Todes. Das Erste und das Letzte beeindruckt durch die radikale Ehrlichkeit seiner Protagonistin im Umgang mit sich und der eigenen Biografie. Und er überzeugt durch eine klare Gestaltung, in welcher animierte Zeichnungen die Fotos und Interviews ergänzen und ein smoother Soundtrack von Kaenels rastlose Erzählung beruhigend kontrapunktiert.

12.02.2018

4

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