CH.FILM

Bis ans Ende der Träume Schweiz 2017 – 82min.

Bis ans Ende der Träume

Filmkritik

Sie liebten und sie siezten sich

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Wilfried Meichtry, versierter Autor packender historischer Biografien, forscht in seinem Debüt als Filmregisseur dem bewegten Leben der Schweizer Journalistin Katharina von Arx und ihrer Beziehung zum französischen Fotografen Freddy Drilhon nach. In den Hauptrollen seiner Doku-Fiktion brillieren Sabine Timoteo und Christophe Sermet.

Beim ersten Date liess er sie hängen: Als die Journalistin Katharina von Arx 1956 für die Zeitschrift «Sie+Er» auf die Pazifikinsel Tonga reiste und der Fotograf Freddy Drilhon sie begleiten sollte, tauchte er vorerst einfach nicht auf. Sie zürnte ihm. Und wie sie Wilfried Meichtry 55 Jahre später von damals erzählt, erinnert sie sich aufs Erste so genau nicht mehr, was sie, als Drilhon endlich doch auftauchte, an ihm derart faszinierte. Tatsächlich aber wurden die Schweizerin (1926), die in Wien Kunst studierte, und der gleichaltrige Fotograf, der nach dem Krieg einige Jahre in der Südsee verbracht hatte, ein Paar. Sie reisten von Tonga zusammen weiter nach Neuginea, kehrten 1958 mit einer Tochter nach Europa zurück, entdeckten 1959 im Waadtländischen Romainmôtier eine Ruine: das nach von Arx „einzige Haus, das wir uns leisten konnten.“ Für sie, die 1953 auf eigene Faust um die Welt gereist war und mit ihren Reiseberichten zum Vorbild für viele von Emanzipation träumenden Frauen wurde, war es ein Heimkommen. Sie steckte all ihre Energie in dieses Haus, das über 800-jährig heute eines der einzigen noch erhaltenen Priorhäuser der Welt ist. Für Drilhon aber war Romainmôtier bloss eine Zwischenstation. Es zog ihn alsbald wieder hinaus in die Welt, schliesslich nach England, wo er 1976 starb.

Wilfried Meichtry – man verdankt ihm unter anderem die von Werner Schweizer verfilmte Biografie über Iris und Peter von Roten (Verliebte Feinde, 2013), – hat Katharina von Arx 2011 kennengelernt: als eigenwillig charmante Seniorin, die auf ein abenteuerliches Leben zurückblickt und fesselnd zu erzählen weiss; als «eine Pippi Langstrumpf mit der Geisteshaltung einer Simone de Beauvoir» hat die Süddeutsche sie unlängst bezeichnet. Von Arx hat Meichtry ihr Haus gezeigt, ihr Archiv, auch ihr Herz geöffnet. 2015 hat Meichtry unter dem Titel «Die Welt ist verkehrt, nicht wir!»(Nagel&Kimche) eine Paarbiografie von von Arx und Drilhon veröffentlicht, darauf basierend nun seinen ersten Film, «Bis ans Ende der Träume», realisiert. Als fesselnde Doku-Fiktion, in der die Begegnungen des Regisseurs mit seiner 2013 verstorbenen Protagonistin, sowie Auszüge aus Tagebüchern, Texte, Briefe den Boden ergeben für die mit Sabine Timeteo und Christophe Sermet nachgespielte Liebesgeschichte zwischen der quirligen Künstlerin und dem rastlosen Fotografen, die sich aus Respekt voreinander das ganze Leben lang siezten, aber sehr wohl wussten, was sie aneinander fasziniert.

23.01.2018

3

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Kommentare

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muenchka

vor 7 Monaten

Eine Frau, die das Haus ihrem Mann vorzog – und doch Versöhnung suchte.
Schön, nachdenklich machend.


Kinogaenger

vor 7 Monaten

Spannende Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Die beiden Hauptdarsteller überzeugen.


sonjakul

vor 7 Monaten

sehr berührende Geschichte, faszinierendes Frauenporträt einer Pionierin


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