CH.FILM

Melody of Noise Schweiz 2015 – 86min.

Melody of Noise

Filmkritik

Ohrenschmaus oder Lärmbelästigung?

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Lärm, Beschallung, Klang oder gar Musik? Die Dokumentarfilmerin Gitta Gsell hat Geräusche, künstliche und natürliche Töne aufgenommen, hat Künstlern und Handwerkern, die eigene Klangbilder und -welten schaffen oder projizieren, Klangsammlern und -schöpfern über die Schulter geschaut. Ein Bildersound für Filmschaffende, Insider und Interessierte.

Nicht alles, was tönt, tut gut oder gefällt. Wo hört der Lärm auf, wo fängt die Musik an? Die Grenzen sind nicht eindeutig zu bestimmen, sie sind individuell erfahrbar. «Der Unterschied zwischen Musik und Lärm ist nur, ob man hinhören will oder nicht», behauptet der Elektronikmusik-Pionier Bruno Spoerri. Das klingt recht einfach und plakativ, und darüber lässt sich streiten. Manche empfinden das Trommeln auf Gläsern, Blech, Töpfen oder Pfannen als Zumutung, können mit Spoerris Kunst-Klängen wenig anfangen. Der Lärm von Maschinen (einige sprechen vielleicht vom Sound eines Traktors oder eines Rennwagens), der Glockenklang von Kirchen und Kühen, die Geräuschkulisse in Industriehallen, auf Baustellen oder Autostrassen, die lauten und leisen Töne in der Natur vom Wispern der Baumwipfel bis zu Wasserfällen – sie alle kratzen oder kitzeln unsere Ohren.

Die Dokumentarfilmerin Gitta Gsell hat Geräusche, Töne, Klänge aufgefangen, hat Klangschöpfern und Musikern, aber auch Tüftlern und Arbeitern über die Schultern in ihre Werkstätten geschaut. Der Berner Stefan Heuss beispielsweise baut Instrumente aus alten Küchengeräten, einer Abzugshaube oder einer Pfanne. Der experimentierfreudige Bursche bringt Erstaunliches zu Gehör. Spoerri, der fast schon geadelte Guru elektronischer Musiktüftelei, nimmt verständlicherweise viel Raum im Film ein. Es sei dem alten Sound- und Konzerthase gegönnt. Spannender freilich sind die Aktivitäten des Ostschweizer Duos Bubble Beatz, das aus Schrott ein gigantisches Instrumentarium kreiert und Massen bewegt – selbst bei Livekonzerten in China. Das freilich hat in diesem Sommer ein Ende: Kay Rauber verlässt Christian Gschwend, also die Beatz-Gemeinschaft, und geht auf Segelweltreise.

Das Rumoren und Rauschen, Bibbern und Beben, das hier Leinwandresonanz findet, stört und verstört, elektrisiert und fesselt (teilweise). Gsells «Lauschangriffe» und akribische Filmrecherche beeindrucken als akustisches Panoptikum und Sammelsurium aus Geräuschen, Tönen und Rhythmen. Ihre Klang- und Geräuschbilder zwischen Müllhalden und Konzertsälen zeigen auch, wie wichtig Ton und Sound für Film und Kunst sein können.

11.03.2016

4

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