Mr. Gaga Deutschland, Israel, Niederlande, Schweden 2015 – 100min.

Filmkritik

Der Meister des Ausdruckstanzes

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Der Israeli Ohad Naharin gilt als einer der besten Choreografen der Welt. Die kraftvolle, packende Dokumentation Mr. Gaga widmet sich ausführlich dem Künstler und der Privatperson Naharin.

Mr. Gaga widmet sich ganz dem Leben eines Choreografen-Genies: Ohad Naharin, dem Leiter der Batsheva Dance Company in Israel, der dem modernen Ausdruckstanz neue Impulse gab. Aufgewachsen in einem israelischen Kibbuz, zeigte sich schon früh das außerordentliche tänzerische Talent von Naharin. Nach Stationen in den USA als Tänzer und Choreograf, kehrte er 1990 zurück in seine Heimat und erfand den Tanzstil "Gaga" – eine neuartige Bewegungssprache, bei der es um die Interaktion zwischen den Tänzern geht sowie ein "sich fallen und treiben lassen". Sinnlichkeit, Eleganz aber auch Radikalität und enorme Anstrengung, zeichnen diese expressive Tanzsprache aus.

Nicht weniger als acht Jahre arbeitete der israelische Filmemacher Tomer Heymann an der Realisierung seiner Dokumentation. Zwar ist Heymann – vor allem bekannt durch seine Doku Who’s gonna love me now (2016) über einen HIV-Infizierten Landsmann – seit knapp 25 Jahren mit Naharin befreundet. Dennoch wehrte sich der Tänzer lange gegen einen Film über sich und gegen Aufnahmen von seinen Workshops, die er hütete wie ein kostbares Geheimnis.

Auf gelungene, stimmige Art und Weise bringt Heymann hier Privates mit Beruflichem zusammen, zeigt Naharin bei seiner Arbeit und in intimen Momenten im Familienleben, festgehalten mit einer Super-8-Kamera. Wobei die Tanz-Szenen dabei knapp den Schwerpunkt des Films bilden, was – angesichts der körperbetonten, oft erotisch-sinnlichen Tänze – auch nicht die schlechteste Entscheidung war. Nicht zuletzt die Massenszenen sind es nämlich, die den Zuschauer immer wieder in ungläubiges Staunen versetzen: ungemein akrobatisch agierende, unzählige Tänzerinnen und Tänzer führen kraftvolle, fast animalisch anmutende Synchron-Tänze aus, die sich durch atemberaubende Dynamik und Körperbeherrschung auszeichnen.

Doch auch die stilleren Momente sind hochinteressant und bekommen ihren Platz im Film, wenn man z.B. bei Proben sieht, was sich hinter den seit so vielen Jahren verschlossenen Türen der Company-Proberäume abspielt. Mr. Gaga vergisst bei all den beeindruckenden, rasanten Tanz-Sequenzen nie, auch der Privatperson Naharin – die sich durch hemmungslose Professionalität und einen akribischen Perfektionismus auszeichnet – Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei greift Heymann auf viele Super-8-Aufnahmen zurück, die Naharin in fast allen Lebensphasen zeigen: als Kind beim Spielen im Wasser mit Gleichaltrigen, in den Armen der Mutter, bei akrobatischen Tanzübungen im heimischen Garten oder bei Theater-Proben in den 80er-Jahren.

14.09.2016

5

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Kommentare

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Yvo Wueest

vor 4 Jahren

Im europäischen Kulturkreis zählen wir den Tanz zu den darstellenden, auch schönen Künsten. Der sehenswerte Dokumentarfilm von Tomer Heymann zeigt auf brillante Weise, dass Tanz immer auch eine Form sozialer Interaktion, ein Ausdruck heftiger Gefühle, die Umsetzung von Inspiration ist.

Kein Wunder, sperrte sich der Choreograph Ohad Naharin zu Beginn gegen die Idee, seine ephemere, vergängliche Kunst in Filmszenen festzuhalten und damit einzuengen, definitiv festzuschreiben.

Eindrücklich, wie sich die Tanzenden in „Last Work“ in einer berauschenden Schlussszene eng umschlungen finden, nach dem sie sich zuvor, meistens isoliert für sich alleine, durch das Stück, bewegten.

Kritische Anmerkung: Mehr Aufmerksamkeit hätte die Darstellung der innovativen Tanzform „Gaga“ verdient, welche dem Film immerhin den Titel verleite. Eine körperschonende Bewegungsform, die der Künstler nach einer Verletzung entwickelte. Sie wird im Film kurz von der Schauspielerin Natalie Portman begeistert erwähnt, aber sonst nicht weiter erklärt.

Wer im Netz recherchiert, findet bald heraus: in Israel füllt der Star für zeitgenössischen Tanz mit seinem Konzept inzwischen grosse Hallen. In Workshops lernen moderne Menschen loszulassen, in sich hineinzuhören, im Augenblick und Moment zu sein.

Sie folgen damit einem der Grundsätze von „Gaga“: sich von der Kontrolle durch den Geist zu befreien. Sich den fast unendlichen Möglichkeiten der Eleganz und Ausdruckskraft des menschlichen Körpers hinzugeben.

Fazit: hingehen, staunen, geniessen.Mehr anzeigen


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