Tomorrow Frankreich 2015 – 118min.

Filmkritik

Ist die Welt zu retten?

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Das Szenarium ist düster. Gemäss einer Studie dürfte unser Ökosystem spätestens gegen Endes dieses Jahrhunderts zusammenbrechen. Der Dokumentarfilm der Schauspielerin Mélanie Laurent und des Aktivisten Cyril Dion zeigt ökologische, wirtschaftliche, auch demokratische Neuansätze, Lösungen und Ideen. Eine spannende, aufschlussreiche, vor allem auch engagierte und hoffnungsvolle Arbeit.

Katastrophenmeldungen über Unwetter und Klimaextreme, Ernährung, Bewirtschaftung, Umweltverschmutzung und -ausbeutung finden wir fast täglich in den Medien. Ist die Welt, sind wir noch zu retten, wenn wir so weitermachen? Diese Fragen stellten sich auch die Wissenschaftler Anthony Barnosky und Elizabeth Hadly von der Universität Stanford und Universität Berkeley in den USA. Auf Grund eines Workshops 2010 mit anderen Wissenschaftlern veröffentlichten sie 2012 die Studie «Approaching a state shift in Earth's biosphere». Die Wissenschaftler erwarten bis 2100 einen abrupten und globalen Zusammenbruch. Zu den elementaren Ursachen gehören beschleunigter Rückgang der Artenvielfalt, wachsende Häufigkeit klimatischer Extremereignisse, rapide Veränderungen der Produktionsabläufe und des Energieverbrauchs.

Das wollten die Filmer nicht als fixe Bedrohung und Damoklesschwert im Raum stehen lassen und haben sich auf Entdeckungsreise begeben. Mélanie Laurent, Schauspielerin (Inglourios Basterds), Cyril Dion, französischer Aktivist, nahmen die Thesen sehr ernst, wollten aber Lösungsansätze, Alternativen, Perspektiven für eine (heilbare) Zukunft suchen und dokumentieren. Ausgehend von der erwähnten wissenschaftlichen Studie, sind sie den Kernfragen und -problemen auf den Leib gerückt, sprich auf den Grund gegangen: der Landwirtschaft, der Energie, der Wirtschaft, der Demokratie und Bildung.

Konsum- und Wegwerfgesellschaft auf der einen Seite, darbende, hungernde Menschen auf der anderen Seite. «Hunger und Unterernährung sind politische Probleme, für die es technische Lösungen gibt. Die Regierungen verschliessen ihre Augen vor diesem Problem», mahnen Charles und Perrine Hervé-Gruyer, Betreiber der Farm Bec Hellouin. Die ehemalige Anwältin und der abgemusterte Seemann gründeten in der Normandie die Gemüsefarm Bec Hellouin und setzten Massstäbe im organischen Gemüseanbau, basierend auf der Permakultur. Das Konzept vertraut auf dauerhaft funktionierende, nachhaltige Kreisläufe, die der Natur quasi freien Lauf lassen, also ohne Öl und Pestizide, Düngemittel und motorisierten Hilfskräften auskommt. Ein frappantes, erfolgreiches Beispiel im Bereich Landwirtschaft. Und so reiht sich Beispiel an Beispiel für umweltbewusste zukunftsträchtige Lösungen. Das geht von Energiesparmassnahmen und Energieeffizienz – etwa 100-prozentiges Abfallrecycling in San Francisco oder Entlastung des Strassenverkehrs durch Veloförderung in Kopenhagen – bis Bildung ohne Test- und Zeugnisdruck in Finnland oder Einführung einer lokalen Währung (Totnes Pound in Devonshire, England).

Man staunt und ist begeistert, welche Alternativen nicht nur angedacht werden, sondern bereits im Kleinen realisiert wurden. Und das ist nur eine der Stärken dieses in mehrfacher Hinsicht erhellenden Dokumentarfilms. Er belehrt nicht, sondern informiert und animiert, mitzumachen. Denn die Quintessenz aller Recherchen und Erkundungen heisst Gemeinsamkeit. Um der Probleme Herr zu werden, muss das Zusammenspiel globaler Kräfte und Lösungen vorangetrieben werden – über System, Grenzen und politische Ausrichtungen hinaus. Cyril Dion setzt klare Ziele und sagt über den Film: «Es ist dieser Wunsch nach Vielfalt, nach Autonomie, der Schaffung menschlicher Gemeinschaften und der Wille, etwas dafür zu tun.» In der Romandie wurde Tomorrow zum erfolgreichsten Dokumentarfilm nach Microcosmos und gewann in Frankreich einen César. Ein Muss für Lehrer, Schüler und alle umweltbewussten Menschen.

15.06.2016

5

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Kommentare

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mariannemueller

vor 3 Jahren

Der Film inspiriert! Es wird nicht nur auf die aktuell grausame Fleischindustrie hingewiesen, sondern unter anderem auch rentable Lösungen in einer Fabrik und bei verschiedenen Agrarunternehmen aufgezeigt.


werner_heiz

vor 3 Jahren

Optimaler Film, nichts auszusetzen!


meinrad.zuend

vor 3 Jahren

Positiv werden Alternativen und Lösungsmöglichkeiten für die Probleme unserer Zeit dargestellt - für einmal nicht mit dem Zeigefinger.


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