Anomalisa USA 2015 – 90min.

Anomalisa

Filmkritik

Das Leben ist Stop-Motion

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Bereits 2005 geschrieben, ist Anomalisa ein Projekt, für das Charlie Kaufman keine Financiers finden konnte. Er wählte den Weg über Kickstarter. Die Kampagne war erfolgreich, so dass die Stop-Motion-Produktion in Angriff genommen werden konnte. Ursprünglich nur als 40-Minüter geplant, wirkt das Ganze in abendfüllender Länge zäh und überspannt.

Michael Stone ist ein Mann, der auf Kundenservice spezialisiert, aber völlig unfähig ist, mit anderen Menschen auf einer tiefgehenden Ebene zu interagieren. Seine Sensibilität ist alles andere als ausgeprägt. Bar jedes Interesses ist er ein Mann, der sein repetitives Leben vorantreibt, immer aus der eigenen Perspektive handelnd, nie erkennend, was er sich selbst damit antut. Aber als er auf eine Geschäftsreise geht, lernt er eine Fremde kennen, wie sie außergewöhnlicher nicht sein könnte. Diese Fremde wird das Heilmittel, auf das Michael Stone gewartet hat. Nur durch sie kann er seine negative Sicht auf das Leben ändern und – vielleicht – es auch in andere Bahnen lenken.

Kaufmans Filme sind von jeher nichts für die große Masse. Sie haben häufig einen sehr eigenen, aber auch wahrhaftigen Blick auf die Welt, der auch bei Anomalisa zu finden ist. Was Kaufman hier im Grunde präsentiert, ist der intime Blick auf einen Mann in seiner Midlife-Crisis, nur dass er das in einer Art verklausulierter Form auf die Leinwand bringt.

Der Look ist eigen und ungewöhnlich, speziell für einen Film dieses Genres. Aber damit nicht genug, surrealer wird das Ganze noch dadurch, dass mit Ausnahme der beiden Hauptfiguren, die von David Thewlis und Jennifer Jason Leigh gesprochen werden, Tom Noonan jeder anderen Figur seine Stimme leiht. Das lässt Anomalisa zu einem sehr unkonventionellen Projekt werden, das vor allem daran leidet, dass nicht genügend Material vorhanden ist, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers über die gesamte Laufzeit zu halten.

So ehrenwert es auch ist, eine solche Geschichte auf diese Art und Weise zu erzählen, so ist das Ergebnis doch zwiespältig, auch und gerade weil es einem die Figuren nicht leicht machen, sich auf sie einzulassen. Anomalisa wäre vielleicht mehr gedient gewesen, hätte man konventionell auf echte Schauspieler gesetzt, um den Zuschauer emotional zu involvieren. Mitunter funktioniert es mit den Stop-Motion-Figuren, zumeist bleibt aber eine Distanz, die einfach nicht überwunden werden kann. Das schmälert die Gesamtwirkung von Anomalisa, verhindert aber nicht, dass Charlie Kaufmans neuestes Werk eine höchst eigenwillige, faszinierende Geschichte ist – so wie man es von diesem Ausnahmekünstler erwartet.

15.02.2016

3

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Kommentare

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sargabarack

vor 3 Jahren

Es ist ein Animationsfilm für Erwachsene, in dem Puppen Sex haben, ohne dabei wie Puppen zu wirken. Das Ganze ist jedoch so gut umgesetzt (10 Jahre Planung, 3 Jahre Arbeit), dass es ein filmtechnisches Meisterwerk ist. Nicht zu vergessen, dass bei Stop-Motion eine Illusion erzeugt wird; davon merkt man im Kino jedoch nichts. Es ist wie im echten Leben, und die Wahl auf Puppen im Massstab 1: 6 ist nicht von ungefähr. Das tut der Erzählung keinen Abbruch. Wenn Puppen die Komplexität des Lebens darstellen können, was sind wir dann?Mehr anzeigen


Yvo Wueest

vor 3 Jahren

„Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Schmerzen zu haben? Was bedeutet es zu leben? “

Diese Fragen stellt der „Motivationstrainer“ Michael Stone seinem Publikum und zunehmend sich selber im Verlauf dieses bemerkenswerten Films.

Wir sehen die Lebens- und Leidensgeschichte eines Protagonisten, der sich als unnahbarer und reichlich auf sich selber bezogenen „Leidensgenossen“ geriert. Dem es grundsätzlich schwer fällt, sich zugewandt oder wenigstens konstruktiv zu verhalten.

Genial finde ich im Film die Idee mit den identischen Gesichtern: wer mit reaktiver Depression Erfahrung hat, weiss, dies kann ein Moment sein, in dem einem alles zu viel wird. Besonders der Kontakt und der Austausch mit anderen Menschen.

Stark auch die Szene, wo Michael Stone, in seiner wilden Raserei, für einen kurzen Augenblick ein Teil seines (Puppen-) Gesichtes wegbricht. Deutlicher könnte es der Regisseur nicht zeigen: Viele laufen in der modernen Welt, besonders in einem beruflichen Kontext, mit einem maskenhaften Gesicht umher. Sie sind nicht authentisch. Verstellen sich. Spielen eine aufgesetzte Rolle.

Kein Wunder: In Windeseile pappt Michael wieder sein Gesicht zusammen. Möglichst nichts verändern. An der eigenen Sicht, am eigenen Verhalten, im Umgang mit den Anderen.

Oberflächlich könnten wir sagen: Ein Puppenfilm für Erwachsene. Wer allerdings bereit ist, tiefer zu gehen, erkennt in „Anomalisa“ einen schmerzhaft ehrlichen Film über die Liebe. Und wie herausfordernd es für Männer und Frauen sein kann, sich im Irrsinn dieser dicht getakteten Arbeitswelt wirklich auf Nähe, Gefühle und das Gegenüber einzulassen.Mehr anzeigen


Daniel163

vor 3 Jahren

Fregoli Syndrom, nicht zäh, keine Midlife-Crisis, aber zähe und oberflächliche Kritik. Aber an dieser Stelle verziehen, läuft sowieso viel Müll im Kino, dem einem auch noch schmackhaft gemacht wird. Sehr ehrlich erzählte Geschichte.


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