CH.FILM

Freifall - Eine Liebesgeschichte Schweiz 2014 – 83min.

Freifall - Eine Liebesgeschichte

Filmkritik

Fallstudie über einen Freifall

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Wie kann man solche Schicksalsschläge verkraften und überwinden? Der Geliebte stürzt ab, und Krebserreger suchen einen heim? Mirjam von Arx hat dies am eigenen Leib erfahren und hat darüber einen Dokumentarfilm gedreht – offen, intim, ergreifend. Eine Liebesgeschichte und die Verarbeitung eines schmerzhaften Verlustes.

"Ich bin mitten in meiner Chemotherapie – aber glücklich. Denn ich bin über beide Ohren verknallt und überzeugt, ich habe meinen Mann fürs Leben." Sie möchte Herbert, den Mann aus der Pfalz, heiraten. Doch dann das: Herbert springt ab und stürzt zu Tode. Seine Leidenschaft heisst Base-Jumping, die er mit seinem Freund und Coach Andreas teilt. Der Sprung von einem Felsen in Lauterbrunnen verunglückt, er schlägt mit dem Kopf an, der Fallschirm öffnet sich, aber er ist bewusstlos.

Base-Jumper sind Extremsportler, die weltweit gern ins Tal von Lauterbrunnen reisen, weil es dort interessante Absprungmöglichkeiten gibt und diese Sportart in der Schweiz im Gegensatz zu Australien beispielsweise legal ist. Mirjam von Arx hadert, verzweifelt und versucht zu begreifen. Mit der Kamera begibt sie sich auf Spurensuche, versucht den Schicksalsmoment zu rekonstruieren und zu verarbeiten. Sie spricht mit seinen Eltern, mit Base-Jumpern, Fallschirmspringern, Rettungsleuten, dem Gemeindepräsidenten.

Was reizt diese Menschen, sich von einem Felsen zu stürzen, um einen Adrenalin-Kick für kurze, aber heftige Momente zu erfahren und mit dem Fallschirm zu landen? Die meisten Fallschirmspringer lehnen solche Husarenritte ab. Die Talschaft von Lauterbrunnen eignet sich hervorragend für sogenannte Exits. Als Absprünge, eben Exits, werden Gebäude (Building= B), Sendemasten (Antenna = A), Brücken (Span = S) und Felsen/Berge (Earth = E) benutzt. Während eines Jahrzehnts (2000-2012) stürzten 43 Base-Jumper in der Schweiz zu Tode.

Mirjam von Arx wollte diese Extremsportart verstehen, wollte wissen, was und warum geschehen ist, was sie nicht begreifen kann. "Wie in einem Trance-Zustand bringe ich die Beerdigung, Wohnungsräumung und Nachlassverwaltung hinter mich. Ich versuche, seinen trauernden Eltern in Deutschland ein Halt zu sein. Und ich merke, dass ich ihnen nicht wirklich erklären kann, was passiert ist. Ich bin gefangen in meiner eigenen Wut. Wut auf ihn, Wut auf den Sport", erzählt die Autorin und Betroffene.

Sie öffnet ihre Seele schonungslos, teilt sich mit, macht den Zuschauer zum Mitwisser und Mitleidenden. Manchmal wünschte man sich weniger, etwa bei den Sequenzen mit den Eltern des Verunglückten. Ergreifend, ohne zu belehren und zu (ver)urteilen. Filmen hautnah als Trauerarbeit und Therapie – und der Zuschauer als Zeuge.

15.12.2014

4

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

steveo1

vor 4 Jahren

Eine packende sehr persönliche Dokumentation - die Spannung vor jedem Absprung lässt einem erstarren. Mirjams Suche nach Antworten regt zum nachdenken an.


Tresorio

vor 4 Jahren

Der Film hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte ist unglaublich und die Bilder der Hammer.


Pipporu

vor 4 Jahren

Ein starker Film, nicht nur für BASE Springer. Spricht sowohl Männer als auch Frauen an.


Mehr Filmkritiken

Aladdin

Pokémon: Detective Pikachu

Glam Girls - Hinreissend verdorben