Ilo Ilo 2013 – 99min.

Filmkritik

Sie liebten und sie schlugen ihn in Singapur

Filmkritik: Andrea Wildt

In seinem Debütfilm beobachtet Anthony Chen das Alltagsleben einer Familie in Singapur in einer vielseitig angespannten Situation. Mit Humor und Menschlichkeit zeigt er, wie das Leben so spielen kann.

Die Hauptfigur von Ilo Ilo lernen wir zuerst über ein rätselhaftes Geräusch kennen. Schlurfend, kratzend, stellt es sich schliesslich als ein Reiben über die Kanten der Fensterscheibe heraus: Jiale (Koh Jia Ler) ist ein aufmüpfiger Junge. Er verletzt sich schon mal selbst, um seinem Lehrer Misshandlung zu unterstellen. Auch seine Eltern (Yann Yann Yeo und Tian Wen Chen) sind gegenüber ihrem kapriziösen Sohn hilflos. Ein Hausmädchen wird von den Philippinen eingeflogen, um sich um ihn zu kümmern.

Was wie eine klassische "Nanny erobert das Herz eines verzogenen Kindes"-Filmstory daherkommt, ist auch eine. Das Hausmädchen Teresa (Angeli Bayani) wird Stück für Stück die Zuneigung von Jiale gewinnen und am Ende, wenn sie wieder zurück in ihre Heimat muss, werden dicke Tränen fliessen. Aber Ilo Ilo bietet auch viel mehr. Der singapurische Regisseur Anthony Shen fixiert seine Geschichte nicht nur auf die Beziehung des Kindes mit den Erwachsenen um ihn herum. Humorvoll knüpft er mit feinen Andeutungen und alltäglich Mini-Krisen jedes Einzelnen eine fein analysierte Momentaufnahme dieser Patchwork-Familie in den Krisenzeiten der 1990er.

Da ist die Mutter von Jiale. Hochschwanger tippt sie jeden Tag die Kündigungen für ihre Mitarbeiter. Hoffnung sucht sie bei einem Scharlatan, der Auswege aus der Rundum-Krise predigt. Jiales Vater verliert Job und Vermögen. Den Film über hadert er damit, dies seiner Frau zu beichten. Stattdessen pafft er heimlich auf dem Hausflur und sucht vergeblich nach neuen Einkommensquellen. Auch Teresa hat ihr Dilemma zu tragen: Anstatt sich daheim um ihr Baby kümmern zu können, muss sie in der Ferne das ungezogene Kind anderer erziehen.

Alle vier Figuren und ihre Beziehungen zueinander stehen im Mittelpunkt des Films. Anthony Chen zeigt ihre Ängste und Hoffnungen mit einem sehr liebevollen Blick voller Verständnis für ihre Schwächen. Oft genügt ihm nur ein Blick oder eine Geste, um komprimiert aufzuzeigen, was in den Figuren gerade vorgeht. Wenn Jiales Mutter während des Familienessens argwöhnisch zu ihrem Sohn und Teresa schielt oder als Jiale Teresa zum Abschied eine Haarsträhne abschneidet, werden die unausgesprochenen Gefühle mit einem Schlag klar.

Zudem setzt Shen eine bemerkenswerte Montage seiner Szenen ein. Die Einstellungen springen zum Teil von nüchternen Beobachtungen zu subjektiven Perspektiven. Dabei gelingen ihm sehr witzige Kombinationen, die Weiten eröffnen und den Mikrokosmos der Familie auf die Gesellschaft übertragen. Am Ende die Geburt eines Mädchen. Vater und Sohn hören im Wartesaal zusammen Teresas kitschige Pop-Musik. Ein klarer Blick auf die wichtigen Dinge im Leben durchzieht dieses Erstlingswerk bis zum Ende.

01.09.2014

5

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