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Adieu au langage Frankreich, Schweiz 2014 – 70min.

Adieu au langage

Filmkritik

Leb wohl, Vernunft

Filmkritik: Andrea Wildt

Jean-Luc Godard hat einen Experimentalfilm in 3D gedreht. Wer versucht, dem Film mit Logik zu begegnen, wird frustriert scheitern. Gibt man sich jedoch seinen optischen Spielereien und intellektuellen Assoziationen hin, bietet Adieu au langage ein einmaliges Kinoerlebnis. Der Film teilte sich 2014 den Preis der Jury von Cannes mit Mommy von Xavier Dolan.

Wenn Jean-Luc Godard einen neuen Film dreht, darf man immer wieder gespannt sein. Gleich mit seinem allerersten Spielfilm A bout de souffle schuf er 1959 einen Meilenstein der Filmgeschichte. Seither hat er über hundert Filme realisiert. Egal ob Kurz-, Dokumentar-, Spiel- Essayfilm oder Videomontage immer revolutionierten seine Werke die Filmsprache ein Stück weiter. Insbesondere neue Techniken – wie damals das Video, später in Film Socialisme die HD-Kamera – reizten Godard, das Medium Film an seinen Ecken und Kanten auszuprobieren und zu hinterfragen. In einem Interview begründetet er sein Interesse für neue Technologien damit, dass diese noch keinen Regeln unterliegen: Alles ist möglich.

Es ist also nicht wirklich verwunderlich, dass sich Godard nun an die Dreidimensionalität im Kino macht. Wie bereits in Film Socialisme arbeitet er dafür mit dem Schweizer Filmregisseur und Kameramann Fabrice Aragno zusammen. Mithilfe von mehreren Kameras geben die beiden den Bildern in Adieu au langage eine bisher ungesehene Plastizität. Die Objekte schweben im Raum und interagieren immer wieder mit anderen Gegenständen wie der Schrift der Untertitel oder den Körpern der Darsteller. Das überfordert zuweilen das Gehirn, ist aber teilweise auch amüsant und erkenntnisreich.

Worum es in Adieu au langage geht, lässt sich nur schwer, und vor allem nicht in Kürze beantworten. Godard selber veröffentlichte kurz vor dem Screening in Cannes über Twitter eine Zusammenfassung seines Films, die heute für alle Präsentationen des Films genutzt wird. In seinen 70 Minuten erzählt der Film im Groben die Geschichte eines Liebespaares, das zusammen mit einem Hund rund um den Genfer See und Godards Wohnung in Morges wandelt. Ihre stilisierten Dialoge werden in unerschöpfliche Assoziationsketten über die Europakrise, Andeutungen ans Naziregime, Kulturkritik und Zitaten aus der Kunstwelt und Philosophie integriert. Hinzu kommen verzerrte Filmausschnitte, Musikversatzstücke und viel nackte Haut.

Versucht man diesem Schwall an Assoziationen und Andeutungen einen klaren Sinn abzuringen, wird Adieu au langage zur unerträglichen Tortur. Vielmehr zwingt der Film, sich den unzähligen Reizen auf inhaltlicher wie optischer Ebene hinzugeben. Dann eröffnet der Film eine tief schürfende und humorvolle Reflexion über unsere Realität und wird zu einem Erlebnis, dass man so schnell nicht wieder vergessen will.

13.03.2015

4

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Kommentare

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forumuser

Wenn die Cineman Kritiker 4 Sterne vergeben ist der Film vermutlich wie immer das Gegenteil davon, sprich bulls**t

Adieu au langage 0

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