Cesare deve morire Italien 2012 – 76min.

Filmkritik

Shakespeare hinter Gittern

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Der Berlinale-Gewinner der Taviani-Brüder ist hautnah mit dabei, wenn die Insassen eines römischen Gefängnisses Shakespeare einstudieren. Herausgekommen ist ein so mutiges wie ungewöhnliches filmisches Experiment für Freunde spezieller Film-Kost und Cineasten.

Das Rebibbia in Rom gilt als eines der härtesten Gefängnisse Italiens. Hier sitzen nur Mörder, Vergewaltiger und Mafiosi ein. Ein wenig Abwechslung erwartet die Insassen, als ein Theaterworkshop veranstaltet wird und sie als Darsteller für Shakespeares "Julius Cäsar" gecastet werden. Nachdem die Top-Rollen besetzt sind, geht es an die aufreibenden aber immer auch heiteren Proben, bei denen es den Verbrechern überraschend leicht fällt, ihre schauspielerischen Talente zu entdecken und auszuspielen.

Cesare deve morire, an der Berlinale 2013 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, ist eines der ungewöhnlichsten filmischen Experimente der letzten Jahre. Als Mischung aus klassischem Dokufilm mit fiktionaler Handlung angelegt, ist der Film sowohl bei den Proben als auch bei der Aufführung vor Publikum dabei. Zu Beginn sieht man den Gefängnisdirektor und den Theaterregisseur, wie sie vor versammelter Häftlings-Mannschaft das Theaterprojekt vorstellen.

Bereits beim Casting danach offenbart sich die Improvisations-Kunst der Häftlinge. Während der Proben danach verschmelzen die Gefangenen immer mehr mit ihren Rollen und gehen in der Kunst geradezu auf. Sie scheinen völlig zu vergessen, dass sich die Proben hinter dunklen Mauern abspielen. Hier wird deutlich, was Kunst aus Menschen - ja, auch aus Schwerverbrechern - machen kann, wenn sie über sich hinauswachsen dürfen.

Der Film besteht zu weiten Teilen aus exakt durchkomponierter Schwarz-Weiß-Optik, nur am Anfang und am Ende bei der Aufführung werden aus den Schwarz-Weiß-Bildern farbige Momentaufnahmen. Die Wochen bis zur Premiere des Stücks sind voller tiefer Emotionen: Zweifel und Unsicherheit wechseln sich mit Hoffnung und Leidenschaft ab, und als Zuschauer begleitet man den Prozess vom Anfang bis zum Ende – der umjubelten Aufführung vor einer Vielzahl von Menschen, auf die nach dem Stück die Freiheit wartet, während die Darsteller wieder zu Schwerverbrechern mit jahrelangen Haftstrafen werden.

Es ist eine der stärksten aber auch verstörendsten Szenen des Films, wenn die Darsteller nach der frenetisch gefeierten Premiere wortlos wieder in ihre Zellen geführt werden. Und einer von ihnen sagt: "Seit ich weiß, was Kunst ist, ist diese Zelle ein Gefängnis geworden."

16.10.2013

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