Araf Frankreich, Deutschland, Türkei 2012 – 124min.

Filmkritik

Im Fegefeuer des Erwachsenwerdens

Filmkritik: Andrea Wildt

Die Filmemacherin Yesim Ustaoglu führt ihre Auseinandersetzung mit den Menschen ihres Landes weiter und erzählt in ihrem fünften Spielfilm über das prädestinierte Schicksal türkischer Frauen. Viel Romantik und ein wahrhaftiges Happy End gehören nicht dazu.

Der Ausblick auf die karge anatolische Landschaft durch beschlagene Fenster ist das stimmungsgebende Leitmotiv von Araf. Er zeigt den melancholischen Blick seiner Protagonisten und wird im Laufe des Films zum Symbol für ihre zum Scheitern verurteilten Sehnsüchte. Von Beginn an nähert sich diese Kameraperspektive durch die Frontscheibe eines Lastkraftwagens bedrohlich ihrem Sujet: Die beiden Teenager Zehra (Nesliham Ataguül) und Olgun (Baris Hacihan) arbeiten in einer Raststätte irgendwo an einer Fernstrasse zwischen Istanbul und Ankara. Olgun ist in Zehra verliebt, aber seine Angebetete träumt eher von der weiten Welt, als davon hörige Gattin zu werden. Auf einer Hochzeitsfeier trifft Zehra auf den mysteriösen Fernfahrer Mahur (Özcan Deniz) und das angekündigte Unheil nimmt seinen Lauf.

Ab dem ersten schüchternen Tanz zwischen Zehra und Mahur ist das weitere Geschehen absehbar. Die Prädestination des Lebens einer jungen Frau in der Türkei ist das Thema des fünften Spielfilms der türkischen Regisseurin unf Drehbuchautorin Yesim Ustaoglu. Dennoch kommt alles etwas anders als erwartet. Araf zeichnet die Wandlung einer Teenagerin zur jungen Frau mit befremdenden Wendungen und ergreifenden Bildern nach. Ustaoglus Blick bleibt bis zur Eskalation verstörend nah bei ihrer Protagonistin. Ob erste Liebesnacht, sehnliches Warten oder die selbstverschuldete Fehlgeburt auf der Krankenhaustoilette... Zehras Gesicht in Grossaufnahme lässt die Zuschauer sehr intim an ihren Gefühlswallungen teilhaben. Die junge Schauspielerin Nesliham Ataguül hat mit Araf ihr internationales Kinodebüt gemeistert und wurde für ihre vielschichtige Darstellung bereits ausgezeichnet.

Aber Araf erzählt mehr als nur von den ersten Enttäuschungen einer jungen Frau. Anhand der älteren Arbeitskolleginnen und den Müttern thematisiert er zugleich das Schicksal mehrerer Generationen. Auch die Männer schliesst dieser Blick nicht aus. Sie zeigen ihre Frustrationen durch Alkoholismus, Aggression oder Flucht vor der Verantwortung. Wenn zum Beispiel Olgun und sein bester Freund durch die Nacht ziehen, über das Leben und ihre Penisgrössen philosophieren oder ihre Grosse-Jungs-Streiche filmen, weitet der Film seine Szenerie auf eine ganze junge Generation, deren Lebensträume zwischen Internet, Fernsehen und Shoppingcenter eingezwängt sind. Schlussendlich wird Olgun Zehra ehelichen. Doch auch das Happy End verspricht keine Erlösung. Der Hoffnungsschimmer auf den Gesichtern des jungen Paars ist matt, nicht der eines Neubeginns.

14.08.2013

4

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