CH.FILM

Ursula - Leben in Anderswo Schweiz 2011 – 85min.

Ursula - Leben in Anderswo

Filmkritik

Ein Leben für ein Leben

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Ursula Bodmer hatte nie die Chance auf ein normales Leben. Ursula oder das unwerte Leben heisst der Film über sie, den Reni Mertens und Walter Marti 1966 drehten. 45 Jahre danach sucht Rolf Lyssy die taubblinde Frau wieder auf.

Es begann alles 1966: Reni Mertens und Walter Marti, Doyen des Schweizer Dokumentarfilms, drehten einen Film über die Entwicklung eines taubblinden Kindes: Ursula oder das unwerte Leben wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Zürcher Filmpreis. Nach diesem Film, an dem Rolf Lyssy selber als Kameramann und Cutter mitgewirkt hatte, erkundigte sich eine Frau bei ihm nach jenen Bildern von Ursula Bodmer: Es war Anita Utzinger, Heilpädagogin, Pflege- und Ziehmutter, die Ursula fast ein Leben lang begleitet hat. Ursula, mittlerweile 60, lebt in einem Heim, eine gealterte Frau, die ein Kind geblieben ist.

Gemeinsam mit Anita Utzinger, auch schon über 80, versucht Lyssy, dem Menschen, dem Geheimnis Ursula auf die Spur zu kommen. Bilder aus dem schwarzweissen Mertens-Marti-Film dokumentieren die Anfänge. Im März 1951 geboren und nach wenigen Wochen von ihrer Mutter verlassen, wurde bei Ursula im Kinderspital Zürich festgestellt, dass sie kein Seh- und Hörzentrum hat. Man attestierte ihr Idiotie, Bildungsunfähigkeit und keine grosse Lebenserwartung. Das Kind wurde von Heim zu Heim gereicht, wobei eines sinnigerweise «Gott hilf» hiess. Doch niemand konnte dem Mädchen helfen, kein Mensch kümmerte sich ohne Wenn und Aber um sie, bis Anita Utzinger ihr begegnete und lieb gewann - ein ganzes Leben, 55 Jahre lang. Ursula kann nicht sprechen, sich nur auf ihre eigene Weise äussern, etwa gegenüber Pferden. Sie reitet gern.

Lyssys neue Bilder und die Dokumentaraufnahmen von damals fügen sich zu einem berührenden Menschenbild. Es ist die Geschichte einer Frau, über die ein Betreuer sagt: "Man muss sie entdecken, wer sie ist. Wir sind immer noch dran, es hört nicht auf." Es ist auch die einer selbstlosen Liebe, nämlich der Pflegemutter Anita, die von ihrem Ursi-Kind sagt: "Man muss sie einfach gern haben." Das Porträt, mit einfachsten Mitteln gedreht, ist eine Sozialreportage und ein Plädoyer für selbstlose Nächstenliebe. Die Drehvorlage lieferte Walo Deuber.

Lyssys begleitende Kommentare verstärken die persönliche Nähe und Anteilnahme. In seinen besten Momenten ist der Film Ursula ganz nah und taucht vermeintlich in ihre Welt, in ein Leben in Anderswo. Aber im Grunde genommen, nehmen wir "nur" einen Menschen wahr, ohne ihn zu verstehen. Wir können ihn nur schützen, begleiten, akzeptieren. Auch das eine Botschaft, die Wert und Würde hat.

16.01.2012

3

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