CH.FILM

Das Turiner Pferd Frankreich, Deutschland, Ungarn, Schweiz, USA 2011 – 146min.

Filmkritik

Geschichte vom Ende

Filmkritik: Eduard Ulrich

In einer laborartigen Situation auf einem einsamen Bauernhof kämpfen ein alter Vater, seine Tochter und ein krankes Pferd ums Überleben. Béla Tarr mutet dem Publikum in seiner handlungs- und dialogarmen Studie einiges zu und konnte damit an der Berlinale 2011 den großen Preis der Jury gewinnen. Weitere Filme dieses Nonkonformisten wird es wohl nicht geben.

Tarr ist weder alt noch krank, aber jemand, der mit seiner künstlerischen Arbeit handwerkliche Grenzen auslotet und auch das Publikum auf die Probe stellt, wenn er ihm, wie 1994 geschehen, einen etwa siebenstündigen Schwarzweißfilm vorsetzt. Seine Ankündigung 2009, nur noch in einem einzigen Film Regie zu führen, könnte eine Folge der Erkenntnis sein, er habe sein Terrain nun abgesteckt.

Dem Schwarzweiß ist er treu geblieben und die Länge hat er mit zweieinhalb Stunden auf ein erträgliches Maß beschränkt. Doch sucht er auch hier nach neuen Wegen: Am Anfang ist nur ein schwarzes Bild zu "sehen", jemand erzählt auf Ungarisch eine Episode aus Nietzsches Leben, die sich kurz vor seiner geistigen Umnachtung zutrug - oder vielmehr sollte es so sein, denn die Untertitel zerschneiden erbarmungslos die Dunkelheit und ruinieren so die beabsichtigte Wirkung. Dieses aufführungstechnische Problem sollte nicht allein bleiben.

Die Handlung spielt auf einem Hof und wird im wesentlichen von einem alten Vater, seiner gut 30-jährigen Tochter und einem Pferd bestritten, das in einer tragenden Rolle besetzt ist. Dass es nicht reden kann, fällt eigentlich lange nicht auf, weil Vater und Tochter auch nichts sagen - weder zueinander noch zum Pferd. Das Pferd von sich aus ergreift selten die Initiave zum Gespräch. Ihm geht es schlecht, aber es leidet stumm, es wiehert nicht und macht es damit den Pferdeflüsterern und -verstehern im Publikum schwer, sich ein Bild von seinem Gesundheitszustand zu machen. Die Kameraeinstellungen sind lang, es passiert nicht viel, ununterbrochen bläst ein unangenehmer Sturm, unter dem nicht nur das Pferd und die Schauspieler leiden, auch die Nerven des Publikums werden durch das permanente Brausen strapaziert. Wie wenn dauernd ein Telefon klingeln würde - mit dem Unterschied, dass man einen Sturm nicht zum Schweigen bringen kann - schon gar nicht, indem man das Telefon abnimmt.

Die wenigen Darsteller gehen vollkommen in ihren Rollen auf, besonders das Pferd. Tarr spielt mit den Erwartungen, die er schürt; er legt mit seinem Bezug zu Nietzsche schon die erste falsche Fährte, deutet vieles nur an, schafft dadurch Mehrdeutigkeit und Rätselhaftigkeit. Das verlangt Geduld und Aufmerksamkeit, die der Operateur offenbar nicht aufbringen konnte, denn in einer der wenigen Szenen mit zusätzlicher Personage fehlten fünf Minuten lang Bild und Ton, was ein faires Urteil erschwert.

21.03.2012

2

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Kommentare

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dulik

vor einem Jahr

Ein sehr aussergewöhnlicher Schwarz-Weiss-Film, bei dem ein alter Mann mit seiner Tochter und seinem Pferd ums Überleben kämpft. Es wird kaum Gesprochen, dadurch kann man das Drama auch ohne Sprachkenntnisse in der ungarischen Originalfassung ansehen. Das 146-minütige Kammerspiel ist vor allem auf das Schauspiel und die Kameraarbeit reduziert, daher passiert handlungstechnisch sehr wenig. Man könnte den Film ohne Weiteres in der doppelten Geschwindigkeit durchspulen und würde wohl nichts verpassen. Wenn man zuvor aber weiss, worauf man sich einlässt, kann man durchaus Gefallen daran finden. Zum Einen bietet "Das Turiner Pferd" einen glaubwürdigen und interessanten Einblick in ein völlig anderes Leben, zum Anderen vermittelt der Film ein wohltuendes Gefühl von Geborgenheit.
7/10Mehr anzeigen

Zuletzt geändert vor einem Jahr


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