CH.FILM

Day Is Done Schweiz 2011 – 111min.

Filmkritik

Liebe, Tod und Anrufbeantworter

Geri Krebs
Filmkritik: Geri Krebs

Durch die allgegenwärtige Mobiltelefonie wurde er zum Auslaufmodell: der Anrufbeantworter. 15 Jahre lang sammelte Thomas Imbach Stimmen auf seinem Gerät und stellt ihnen Ausblicke aus seinem Zürcher Atelier gegenüber - entstanden ist eine "fiktive Autobiografie" und ein Protokoll laufender Veränderungen.

Mit Well Done und Ghetto hat sich Thomas Imbach in den 90er Jahren als einer der interessantesten Cineasten der Schweiz etabliert. Den ganz normalen Alltag von Bankangestellten in einem damals hochmodernen Grossraumbüro dokumentierte und zerhackte der 1962 geborene Regisseur in ersterem mit beissender Ironie in kleinste Einzelteilchen. In rasanten Schnittfolgen montierte er sie höchst unkonventionell und schuf so einen Filmessay voller Witz und Tempo, der dem Irrsinn jenes Bankenräderwerks, das uns heute mehr noch als damals beschäftigt, eine adäquate Form gab.

Drei Jahre später verfuhr Imbach dann in Ghetto stilistisch ähnlich, als er eine Gruppe Jugendlicher von der Zürcher Goldküste während ihres letzten obligatorischen Schuljahres begleitete und ein Lebensgefühl auf dem Höhepunkt der Techno-Welle in genialer Weise filmisch umzusetzte. Mit Day Is Done ist Imbach nun ein Stück weit zu seinen dokumentarischen Anfängen zurückgekehrt, hat in den Film sogar kleine, unveröffentlichte Szenen aus Well Done und Ghetto eingebaut. Doch es wäre falsch, Day Is Done als Dokumentarfilm zu bezeichnen. Vielmehr ist er ein faszinierendes Resultat einer Suche nach einer filmischen Erzählform wie man sie so noch nie gesehen hat.

Und man sieht ihn nie, und man hört ihn auch nie. Und doch ist die "T" als Protagonist allgegenwärtig, man kann "ihn" sich mit zunehmender Filmdauer immer plastischer vorstellen aufgrund der Stimmen, die sich an ihn richten: Die Freundin, die mit der Zeit zur Ex wird, die Eltern, die irgendwann sterben so wie zuvor schon die Grossmutter, die aktuelle Liebste, die irgendwann auch verstummt, der kleine Sohn, der am Ende nicht mehr so klein ist, und zahlreiche andere Menschen aus seinem engsten Umfeld. Sie hinterlassen bisweilen so weltbewegende Sätze wie "Tuäsch mir mol aalüütä" oder gratulieren zu einem Filmpreis, erzählen von den zu Ende gegangenen Ferien oder schlagen einen Termin zum gemeinsamen Schwimmbadbesuch vor. Ganz vereinzelt huschen dazu alte Homevideos mit diesen Personen vorüber, doch sie erscheinen wie Phantome.

Dagegen bleibt das grandiose Panorama mit den Ansichten der Stadt, wie sie sich von Imbachs Atelierfenster neben dem alten Güterbahnhof in Zürichs Kreis 4 präsentieren, eine Konstante, die den Film prägt. Sie dokumentieren, neben vielen umwerfend komischen Beobachtungen, wie sehr der öffentliche Raum immer mehr den Interessen des Profits geopfert und verengt wird. Versinnbildlicht wird dies im gerafften Heranwachsen von "Prime Tower" und "Mobimo Tower" in Zürichs Stadtkreis 5, auf den die Kamera ebenso stoisch blickt wie auf das dem Tod geweihte unübersichtliche Biotop des alten Güterbahnhofs direkt unter dem Fenster.

15.11.2011

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Kommentare

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that_figurine

vor 7 Jahren

Das beste was ich seit langem zu sehen bekommen habe


simpsonb

vor 7 Jahren

Ganz grossartig!


hawk8050

vor 8 Jahren

Kino mal ganz anders...


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