Vénus noire Belgien, Frankreich 2010 – 159min.

Filmkritik

Ein Körper und ein Mensch werden seziert

Filmkritik: Andrea Wildt

Abdellatif Kechiche gewann dieses Jahr mit seinem Film über die Liebe zwischen zwei Frauen in Cannes die Goldene Palme. Aber auch sein vorheriger Film über eine Südafrikanerin in den Fängen europäischer Schausteller ist sehenswert.

Vénus noire erzählt die wahre Geschichte der Südafrikanerin Sara Baartman (Yahima Torres), die Anfang des 19. Jahrhunderts nach Europa kam. Als "Hottentotten-Venus" erregte sie auf Jahrmärkten die Phantasien des einfachen Volkes und die Neugier der Naturwissenschaftler. Nach ihrem Tod wurde sie jahrelang als Gipsfigur im Naturkundemuseum in Paris ausgestellt.

Das Sujet von Vénus noire ist voller Risikos. Einerseits behandelt es mit dem Schicksal einer afrikanischen Frau eine gesellschaftlich sensible Thematik voller Befindlichkeits-Tretminen diverser Beteiligter. Andererseits geht es bei der Geschichte von Sara Baartman um Basis-Konstellationen des Kinos. Die Grundfrage jedes Films, wer schaut wen wie an, steht in Vénus noire vor einer besonderen Herausforderung, bildet der Film doch das Schicksal einer der meist betrachteten Menschen der Welt ab.

Der französische Regisseur Abdellatif Kechiche macht es uns nicht leicht mit dem schweren Schicksal seiner Protagonistin. In langen Sequenzen, immer nah an den Gesichtern seiner Figuren zeigt er fast drei Stunden lang ihren Leidensweg als eine Anreihung roher Spektakel voller Erniedrigungen. Die Geschichte beginnt Kechiche vom Ende her zu erzählen: Als nackte Gipsfigur wird sie vom Naturforscher Georges Cuvier (Francois Marthouret) den Blicken seiner Kollegen dargeboten. Zunächst geheimnisvoll verhüllt, dann in Form von detaillierten Zeichnungen oder in Ethanol konserviert, wird Sara Bartmann zunächst durch ihr Geschlechtsteil präsentiert. Erst nach einigen Minuten erfüllt ihr Gesicht die Leinwand, nachdem es zuvor ausgemessen und als dem Affen verwandt kategorisiert wurde. Nicht der Mensch ist von Interesse, sondern ein Körper, auf den sich im Laufe der Geschichte diverse Phantasien projizieren.

Die Person Sara Baartman bleibt auch bei Kechiche im Dunkeln. Er zeigt sie im Alltag, leidend, dem Alkohol verfallen, am Ende der Prostitution ausgeliefert. Machtlos versucht sie zu Beginn aufzubegehren, weigert sich als "Wilde" präsentiert zu werden. Doch als sie ein Londoner Gericht befragt, fordert sie paradoxerweise ihr Recht, als Schauspielerin weiter auftreten zu dürfen. Diesen Zwiespalt steht Vénus noire bis zum bitteren Ende aus: Einerseits lässt er uns erbarmungslose Schaulust erleben, aber auch die Demut und den Scham des betroffenen Menschen mitempfinden. Vénus noire ist kein leichter Film, ebensowenig wie das Schicksal von dem er erzählt.

16.07.2013

4

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Kommentare

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88fabian88

vor 7 Jahren

echt wissenswerte Geschichte!


filmlove

vor 7 Jahren

kein wünder


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