Copie conforme Frankreich, Iran, Italien 2010 – 106min.

Filmkritik

Und die Realität geht weiter

Filmkritik: Andrea Wildt

In seinem ersten in Europa realisierten Films vergnügt der iranische Regisseur Abbas Kiarostami mit amüsanten Handlungswechseln und verführt zu vielfältigen Interpretationen.

"Copie Conforme" zeigt, wie aus einem schlichten Treffen zwischen zwei Unbekannten eine tiefgehende Geschichte über Enttäuschungen und Einsamkeit werden kann. Eine in Italien lebende Galeristin aus Frankreich (Juliette Binoche) und ein britischer Schriftsteller (William Shimell) verbringen am Tag nach dessen Buchpräsentation einen gemeinsamen Nachmittag. Auf ihrer Fahrt zur lokalen Mona Lisa durch die toskanische Landschaft entwickelt sich ein Streitgespräch über das präsentierte Buch und dessen provokative Thesen über echte und falsche Kunst. Mehr und mehr entzieht sich die Diskussion jedoch ihrer Begrenzung auf Kunst, und immer wieder sorgen Missverständnisse und verletzte Emotionen für abrupte Wendungen in ihrer Konversation.

Der Titel des Films ist zugleich sein großes Thema: das komplexe Verhältnis von Original und Kopie in der Kunst. Diegetisch ist es in Form des im Film diskutierten Buches präsent, strukturell wirkt es als ein feines Netz aus evozierten Referenzen, welches sich über die Geschichte spannt und zu Interpretationen einlädt. Was ist Original, was Kopie im Film? Welche der vorgespielten Geschichten zwischen Binoche und Shimell ist die wahre, welche improvisiertes Spiel? Fragen, die in "Copie Conforme" keine Antwort finden. Anstelle dessen entwickelt sich ein amüsantes Wechselspiel, das - zwischen Flirt und Ehekrach hin- und herpendelnd - mögliche Versionen des Lebens verhandelt.

Die Filme von Abbas Kiarostami sind philosophisch, hier bildet auch "Copie Conforme" keine Ausnahme. Aber ebenso typisch für den Iraner hat der Film mehr zu bieten als trockene Theoriebildung. Vor allem die darstellerische Leistung von Juliette Binoche, die für ihre vielseitige Interpretation den Preis für die beste Schauspielerin in Cannes gewann, und das Kinodebüt des Baritons William Shimell machen aus der Geschichte in der bezaubernden, toskanischen Landschaft auch ein visuelles Kinovergnügen. Schließlich werden gleich zu Beginn Prioritäten gesetzt, als Juliette Binoche die Buchpräsentation mitten in den wissenschaftlichen Ausführungen verlässt, da ihr Sohn nach Cheeseburger und Fritten verlangt. Auch in "Copie Conforme" zeigt sich erneut das Raffinierte an Kiarostamis Filmen in ihrer auf den ersten Blick erscheinenden Einfachheit, welche sich durch punktuelles Hinterfragen zu einer philosophischen Verhandlung der Realität per Film entfaltet.

07.12.2010

4

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Kommentare

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selinaburri

vor 10 Jahren

keine worte. sehr irritierend. gegen schluss für mich auch etwas zu lang. aber sicher sehenswert.


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