CH.FILM

Faustrecht Schweiz 2006 – 84min.

Faustrecht

Filmkritik

Gewaltdrögler auf Entzug

Filmkritik: Eduard Ulrich

Ein falsches Wort, eine unglückliche Geste, und schon hat man ein paar Zähne verloren, weil Gibran zeigt, wer der Meister ist, oder weil Tim ausrastet. Dokumentarfilmer Bernard Weber und sein Ko-Regisseur Robi Müller sind angetreten, das Bild vom hochexplosiven Gewaltmonster mit menschlichen Zügen zu versehen. Ein Balanceakt.

Gibran, 16 Jahre alt, Mutter Schweizerin, Vater Palästinenser, Eltern getrennt, hat schon ein ansehnliches Sündenregister, und immer geht es um Gewalt. Jetzt muss er ein Antiaggressivitätstraining (AAT) absolvieren, damit er nicht mehr rücksichtslos anderen schwere gesundheitliche Schäden zufügt. Die Regisseure begleiten Gibran dabei zwei Jahre lang und lassen ihn seine Gefühle und Einschätzungen schildern. Das vermittelt einen guten Eindruck von der psychischen Entwicklung des Jugendlichen bis zum beinah Erwachsenen, der sich die längste Zeit cool gibt und seine Schuld nur in Lippenbekenntnissen eingesteht. Beeindruckend ist die Strenge des AATs, die es einem schwer macht, nur zum Schein teilzunehmen. Trotzdem wirkt Gibran erst wirklich betroffen, als es zu einer tragischen Sensation kommt, die es vor einiger Zeit in die Tagespresse schaffte. Bernard Weber und Robi Müller gelingt es, diesen dramatischen Wendepunkt angemessen zu integrieren.

Scheinbar ähnlich ist die Startposition von Tim: 16 Jahre alt, Mutter Schweizerin, Vater Deutscher, Eltern getrennt. Er befindet sich am Anfang des Films in einer psychiatrischen Klinik, weil er sporadisch stark gewalttätig wird und anscheinend schon einigen Schaden angerichtet hat. Er soll in einem Heim platziert werden, was er aber mit plausiblen Argumenten kategorisch ablehnt. Ganz anders als Gibran, der mit seinem Charme das Publikum zu bezirzen versucht, um von seiner Rücksichtslosigkeit abzulenken, reflektiert Tim seine Probleme und macht sich Gedanken, wie es zu seinen Gewaltausbrüchen kam und wie er solche Situationen vermeiden kann. Im Lauf der zwei Jahre, die der Kandidat begleitet wird, kommt es zu mindestens einem weiteren Gewaltausbruch und auch zu mindestens einem Verstoss gegen die gerichtlichen Verhaltensauflagen, so dass wir teilweise Zeuge der Problematik einer solchen Entwicklung werden.

Am Ende des Films wird wohl das Gros des Publikums trotz der schlimmen Straftaten hoffen, dass beide den Rank schaffen. Nebenbei zeigt der Film, dass die Schweiz ein ausgezeichnetes System besitzt, das den schwarzen Schafen eine Chance gibt, die Farbe zu wechseln. Er legt aber auch den Schluss nahe, dass die Familienverhältnisse und das Lebensumfeld die entscheidende Prägung vermitteln, die festlegt, in welche Herde jemand gerät.

21.03.2007

4

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Kommentare

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muell

Ein beobachtender Film, der die Protagonisten als das zeigt, wass sie sind, als Menschen. Keine Polemik oder reisserische Bilder den Zuschauerquote zuliebe, sondern Einblicke in das Leben und in das innere zweier Junger Männer.
Einzig die Kameraführung mag ab und zu ablenken, zu wacklig und zuckig für meinen Geschmack. Ein bisschen zu viel Shots "aus der Hand".

Faustrecht 4

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