Buenos Aires 1977 - Crónica de una fuga Argentinien 2006 – 103min.

Buenos Aires 1977 - Crónica de una fuga

Filmkritik

Blick zurück im Zorn

Stefan Gubser
Filmkritik: Stefan Gubser

Heute werden im Lande des Tangos die Drehbücher alternder Regisseure gestohlen, vor dreissig Jahren verschwanden Menschen in Folterkellern: Israel Adrian Caetanos Dokudrama macht in Argentiniens Dunkelkammer das Licht an. Es ist blutrot.

Am Anfang ist das Wort. Weisse Buchstaben auf schwarzem Grund erinnern an das dunkelste Kapitel der argentinischen Geschichte, das mit dem sogenannten "golpe" am 24. März 1976 begann und bald nach dem verlorenen Falkland-Krieg ein Ende fand. Es waren sieben Jahre Militär-Diktatur - ohne demokratische Grundrechte, ohne freie Presse, mit schwersten Menschenrechts-Verletzungen. Gegen 30'000 Argentinier verschwanden für immer; wobei "verschwinden" gerne das Schlimmste schönte. Die meisten wurden zu Tode gefoltert.

Oft begann es am helllichten Tage - wie im Falle Claudio Tamburrinis (Rodrigo de la Serna), auf dessen autobiographischem Bericht "Pase libre" Israel Adrian Caetanos "Buenos Aires 1977 - Crónica de una fuga" basiert. Eben noch stand der Student im Tor seines Fussball-Clubs, schon wird er in einen Wagen gezerrt und in eine Villa gekarrt, deren verblühende Schönheit der Scheusslichkeit spottet, die in diesem Haus - es steht stellvertretend für viele - sich zuträgt. Folterkeller und Verliesse sind die wunderbaren Räume, und es ist kaum auszumachen, wie viele junge Männer hierher verschleppt wurden. Sie werden in Badezimmern vor Blumentapeten gefoltert, sind Gefangene in Ballsälen, haben Augenbinden zu tragen, obwohl nie ein Sonnenstrahl durch die blinden Fenster dringt. Was genau, nein, ob überhaupt etwas war mit diesem Kopier-Gerät, das die Schergen in Claudios Wohnung gefunden haben wollen, wird sich nie klären - es gibt keine richtige Justiz in diesem falschen System.

Ein Aussen sucht man überhaupt vergeblich, alles scheint innen in diesem knapp zweistündigen Dokudrama, wenigstens während der ersten achtzig Minuten. Viele der Verhöre finden "nur" im Kopf des Zuschauers statt. Darf man sagen "zum Glück"? Caetano zeigt sie gleichsam vermittelt; oft sind nur die Schreie der Gepeinigten zu hören, oder man sieht ihre Schmerzen sich spiegeln in den grinsenden Fratzen der Folterknechte. Und es dauert eine Ewigkeit, bis Claudio mit drei andern (Pablo Echarri, Nazareno Casero, Lautaro Delgado) die Flucht probiert, welche schon der Titel des Filmes verspricht. Erst gilt es - auch darauf verwendet Caetano viel Zeit - drinnen das Überleben zu versuchen, indem man begreift, was man äussert und was besser verschweigt in dieser Herrschaft der Willkür. Jedes Geständnis, so es denn eines ist, kann die eigene Hinrichtung, die Erschiessung eines Mitgefangenen, aber auch die sofortige Freilassung bedeuten. Und ab und an stellt sich eine gespenstische Normalität ein - in der Rhetorik der Handlanger des Horrors etwa, die beständig auf ihren "Anstand" verweisen. Sie feiern ja auch Weihnachten mit ihren Opfern, bevor sie sie mit Insektiziden duschen.

Israel Adrian Caetano, geboren in Uruguay, aber schon länger im jungen Kino Argentiniens zu Hause, inszeniert seinen Film als Kammerspiel mit einfachsten Mitteln. Am liebsten rückt die Kamera den Männern zu Leibe, an deren Bartlänge oder versehrten Körpern allein sich ablesen liesse, wie lange sie schon leiden, wäre der Film selbst nicht als eine Chronik angelegt und zählte unbestechlich die Tage, die nicht vergehen wollen. Das Bild untermalt fast überlaut die Tonspur. Ein Atmen ist sie meist, das zum Keuchen wird, Absätze klacken durch Flure, im Nebenraum stirbt ein Mensch.

03.10.2012

4

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