Kifferwahn Deutschland, USA 2005 – 109min.

Filmkritik

Teufelszeug

Filmkritik: Jürg Tschirren

"Widerwärtige Ausschweifungen, Tote, Irrsinn und allerschwerste Rechtsverletzungen sind die Folgen des Stoffes, der Amerika zu vernichten droht." - Kaum zu glauben, dass das Presseheft mit diesem Satz nicht George W. Bushs Politik anprangert. Stattdessen geht es um: Marihuana! Und um die Wiederkehr eines Propagandafilms als mediokres Musical.

Als der Liebe Gott den Humor erfand, dachte er nicht zuerst an die Marihuanaraucher. Ein durchschnittlicher Kiffer-Witz braucht stets ewig, bis er zur Pointe kommt und handelt meist davon, dass man nach dem Rauchen unglaublichen Hunger bekam - trotzdem kugeln sich alle Zuhörer vor Lachen. Eine Droge, die als besten Effekt den Zwang zum unkontrollierten Kichern hat, produziert ein willfähriges Publikum für Comedy aller Art. Das bemerkte irgendwann auch Hollywood und drehte Filme für Leute, die mit genug THC in der Blutbahn eigentlich alles lustig finden. Einige davon, Cheech & Chongs "Up in Smoke" (1978) oder "Dude, Where's My Car" (2000) etwa, sind tatsächlich unterhaltsam. Andere eher nicht - "Reefer Madness" (2005) gehört zu letzteren.

Alan Cumming eröffnet die Geschichte als reisender Dozent im Kampf gegen die Teufelsdroge Marihuana. Stets im Gepäck: Ein Film über das Schicksal des jungen Jimmy Harper (Christian Campbell), der - ein Zug am Joint genügte - vom All-American-Boy zum morallosen Monster wurde. Im Folgenden werden wir Zeuge dieses Sittenzerfalls, illustriert durch überkandidelte Musical Nummern -"The Rocky Horror Picture Show" gefällig? Schliesslich soll Jimmy auf dem elektrischen Stuhl landen, jemand wird vom Pfahl einer Vogelscheuche aufgespiesst und Zombie-Horden greifen an. In der Zusammenfassung klingt das vielleicht noch einigermassen spassig, in 109 Filmminuten ist es weit öder und selbstgefälliger, als der wohlmeinendste (lies: zugedröhnteste) Zuschauer ertragen kann.

Interessant ist immerhin die Hintergrundsgeschichte: "Reefer Madness" kam erstmals 1936 als Propagandafilm in die US-amerikanischen Kinos und sollte die Jugend vor den Gefahren des Marihuanakonsums warnen. Der billig gemachte Schwarzweissfilm erzählte eine ähnlich haarsträubende Geschichte wie jetzt das Remake - meinte es aber in jeder Szene todernst. Zusammen mit der mehr als hölzernen Darstellerleistung genügte das, um den paranoiden Aufklärungsstreifen zum Kultstück der College-Jugend zu machen.

Ende der neunziger Jahre machte man aus dem Stoff ein Bühnen-Musical, aus dem nun wiederum ein Kino-Remake wurde. Dieser seltsame Vorgang scheint übrigens Mode zu werden: Schon Mel Brooks' "The Producers" wurde vom Film zum Musical und wieder zum Film; eine Kino-Adaption des Musicals "Hairspray", das auf John Waters' gleichnamigem Film basiert, ist für 2007 angekündigt.

26.01.2009

2

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Kommentare

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tsunami

vor 16 Jahren

Die Amis fürchten das Gras, wie dere Teufel das Weihwasser, sagt man.
Alles business.


certina

vor 16 Jahren

Der Film vermag nicht zu halten. Das stimmt. Jedoch wird in durchwegs jeder Kritik nur auf die Handlung bezug genommen als negativer Aspekt. Wer sich das Original anschaut aus dem Jahre 1936 wird schnell merken, dass sich die neue Adaption sehr streng an die Geschichte aus der Originalfassung hält und Personen fast genau gleich nachzeichnet. Somit ist es klar, dass die Neuadaption altbacken und langweilig daher kommen mag. Da mag man die Zombies verzeihen, die übrigens einfach eine überkarrikierung der Bekifften Jugend darstellen soll um den Film aufzupeppen. Zudem, wer diese Zombies ernst nimmt, der hat den Satirepunkt des Films gänzlich missachtet.
Weiter wird die Satire im Film generell missachtet (Zum Beispiel wenn Mister President meint: "Let's here what the bloodsplettered woman has to say" als sich jene vor sein Auto wirft).
Und aber, was mit Abstand das Wichtigste ist, die Musik wird in keiner Filmkritik erwähnt. Jene ist zwar nicht 'saugut', mag aber doch zu begeistern und hat (genau wie The Rocky Horror Picture Show) einige Perlen (The Orgy, Loved by Mary Lane) zu bieten. Wenn man bedenkt, dass die Darsteller auch durchs Band selber gesungen haben, dann ist das eine gute Leistung (findet man nur noch bei neueren Profuktionen wie Moulin Rouge (gut) und Chicago (wobei der bei der Musik leider durchfällt)). Unter dem Strich darf gesagt werden, dass Reefer Madness kein Film für grosses Kino ist, wer aber die vielen Anspielungen auf gängige Klischees versteht und zudem moderne Musicals liebt, der ist mit diesem Film gut bedient. Sicher besser als mit möchtegern Produktionen vom Übergrossformat wie KingKong, die in den Himmel gelobt werden, aber weder Musik, noch Story bieten und die Schauspieler sind da um einiges schlechter als in Reefer Madness.Mehr anzeigen


szenario

vor 16 Jahren

Singen, Tanzen, wilde Sexorgien, ein singender Jesus und jede Menge Cannabis ("the real public enemy number one"), was kann mein kleines Herzchen noch mehr begehren?
Ein Film, den ich mir immer und immer wieder 'reinziehen' kann.


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