Vera Drake Grossbritannien 2004 – 124min.

Vera Drake

Filmkritik

Schicksal einer Frau mit grossem Herz

Andrea Lüthi
Filmkritik: Andrea Lüthi

Mike Leighs historischer Film "Vera Drake", mit dem er 2004 in Venedig den Goldenen Löwen für den besten Film gewann, ist eine leise, eindringliche Studie über eine Frau aus dem Arbeitermilieu. Sowohl klassenspezifische Unterschiede als auch Problemlagen der Frauen dieser Zeit werden dabei aufgegriffen.

Die schmutzig grünstichigen Bilder des Films entsprechen dem ärmlichen Milieu, in dem Vera Drake im London der 1950er-Jahre mit ihrer Familie wohnt. Zum Lebensunterhalt trägt sie mit Putzarbeiten bei. Und trotzdem bleibt ihr noch Zeit, Menschen aufzusuchen, die ihrer Hilfe bedürfen. Abends sitzt sie im harmonischen Kreis ihrer Familie. Und selbst dann ist sie noch damit beschäftigt, ein Kleidungsstück auszubessern.

Was aber weder Kinder noch Ehemann wissen: In ihrem Drang zu helfen, kennt Vera keine Grenzen und schreckt auch vor Gesetzesbruch nicht zurück. Ungewollt schwangeren Frauen hilft sie bei illegalen Abtreibungen. Als zum ersten Mal bei einer Frau Komplikationen auftreten, nimmt ihr Leben eine drastische Wendung.

Das Thema der Engelmacherin ist kein neuer Filmstoff. Doch Mike Leigh geht es weniger um moralische Fragen als viel mehr um die Charakterstudie einer Frau, die tut, was sie für eine menschliche Pflicht hält, ohne über Konsequenzen nachzudenken. Für manchen Zuschauer mögen gewisse Szenen zu einer Geduldsprobe werden, entfaltet der Regisseur die Story doch häufig in längeren Sequenzen, welche die Verzweiflung der Protagonistin veranschaulichen. Das Einlassen auf die Langsamkeit des Films lohnt sich allerdings, denn nur so vermag Veras Schicksal in seiner ganzen Tragik zum Ausdruck zu kommen.

Hervorzuheben ist aber besonders die eindrückliche schauspielerische Leistung Imelda Stauntons: Die von ihr verkörperte Vera entwickelt sich von einer Zupackerin mit unglaublicher innerer Kraft zu einer alten Frau, die sich nur noch mit Mühe die Treppe hinaufquält. Auch bei den Nebenfiguren gelingt Leigh eine realistische und plastische Darstellung. Da werden etwa Polizisten nicht zu emotionslosen Gesetzeshütern degradiert; es sind Figuren mit menschlichen Zügen, die versuchen, Vera Drake das Leben nicht unnötig zu erschweren.

Überdies gelangen klassenspezifische Probleme der damaligen Abtreibungsfrage zur Sprache: Während für eine reiche Mittelschichtszugehörige eine legale Abtreibung möglich war und sie dabei eher psychische denn körperliche Schäden zu befürchten hatte, war der legale Weg für eine Arbeiterin wegen Geldmangel unvorstellbar. Die schiere Ausweglosigkeit und die Notlagen dieser Situation zeigt der Regisseur anhand mehrerer Frauenschicksale auf.

Abgesehen von Beleuchtung, Farbdesign und Ausstattung, die den Zuschauer direkt in die Atmosphäre des Arbeitermilieus der 1950er hineinversetzen, finden sich wiederholt ausgeklügelte Kameraeinstellungen, die den Film auch in formaler Hinsicht sehenswert machen.

31.01.2005

4

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Kommentare

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8martin

vor 4 Jahren

Mike Leigh hat wieder seine Stammcrew zusammengerufen und einen äußerst bewegenden Film abgeliefert. Imelda Staunton in der Titelrolle ist überaus eindrucksvoll. Gerade weil sie so eine freundliche, hilfsbereite Seele ist, kann man ihr ihre illegale Tätigkeit (Abtreibung) kaum übelnehmen. Sie verlangte dafür nicht einmal Geld, sondern wollte nur den ‘jungen Mädchen helfen, wenn was unterwegs war‘. So nennt sie das, der Fachausdruck ist ihr fremd, die Prüderie der 50er Jahre ist heute kaum vorstellbar. Bei uns nannte man diese Frauen ‘Engelmacherinnen‘, ein Euphemismus der ähnlich verklemmt an der Realität vorbeigeht. Mit Tauschhandel und Ballhausszenen als Dekor zeichnet Leigh auch ein Sittengemälde der Nachkriegszeit, inklusive eines Vergleichs zwischen Arm und Reich bei Schwangerschaftsabbrüchen. Beim 8. Kind hilft Vera bei dem Armen, die wohlhabenden Mädels gehen in eine Privatklinik. Neben der großartigen Imelda Staunton, die ihre hilflose Zerknirschtheit direkt an den Zuschauer weiterreicht, beeindrucken in ihrer Schlichtheit Tochter Ethel (Alex Kelly), Schwiegersohn Eddie Marsan und auch Sally Hawkins. Die Familie droht fast auseinanderzubrechen, so geteilt sind die Meinungen über das Unaussprechliche. So hört man auch nicht, was Vera ihrem Mann zuflüstert, als sie ihm sagen muss, was sie getan hat. Und auch die ‘Hinterfrauen‘, die wirklich mit der Vermittlung Geld machen bleiben unbehelligt. Hier glänzt Ruth Sheen als skrupellose Abzockerin. Bei Veras Verurteilung durch Jim Broadbent (als Richter) wird zwar Recht gesprochen, aber es geht kalt und herzlos zu. Hier kann man nur zwischen Mitleid und Entsetzen wählen. Grandiose Tragik einer gut gemeinten dennoch illegalen Hilfe.Mehr anzeigen


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