CH.FILM

Halleluja! Der Herr ist verrückt Schweiz 2004 – 87min.

Halleluja! Der Herr ist verrückt

Filmkritik

Die Angst von der Seele malen

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Der Filmer Alfredo Knuchel hat die psychiatrische Klinik Waldau bei Bern erkundet und Patienten porträtiert, die hier eine künstlerische Heimstätte gefunden haben. So entstand ein gradliniger, sensibler Dokumentarfilm über ein einzigartiges Refugium, über sechs kreative Patienten und zwei Handwerker.

Herrschaftlich, ja idyllisch mit seinem Park wirkt die Anlage von Waldau bei Bern, 1855 neu errichtet. Eine Irrenanstalt, hiess es dazumal. Ein Mann sitzt auf der Bank und singt. Eigenartig, einzigartig. Wie vieles hier in der Waldau, ein Refugium, ein geschützter Hort. Ein Blick in die Vergangenheit macht uns bewusst, dass diese Heil- und Heimstätte für Gemütskranke auch einen Künstler wie Adolf Wölfli ab 1895 beherbergte, der vom Psychiater Walter Morgenthaler betreut und erkannt wurde. Er gab Wölfli, der bis zu seinem Lebensende 1930 in der Anstalt verweilte, Freiraum für sein immenses malerische Schaffen. Morgenthaler war der Begründer der Waldau-Kunstsammlung, die heute 3000 Werke von künstlerisch ambitionierten Patienten umfasst.

Doch der Berner Filmer Alfredo Knuchel und sein Team (Kamera: Peter Guyer und Norbert Wiedmer) haben sich vor allem dem Jetzt und Heute zugewandt. Acht Menschen rücken in den Mittelpunkt: fünf Patienten, eine Patientin und zwei Handwerker. Die Kamera beobachtet, registriert; Alfredo Knuchel hört zu, sieht zu, wie sich Bilder Bahn brechen. Akribisch versponnen legt beispielsweise Patient Daniel Curty seine Bilderlabyrinthe aus und färbt sie mit Filzstiften ein. Philippe Saxer, der Medikamente gegen Angstattacken nimmt und nach einem Sprung aus dem Fenster lange an den Rollstuhl gefesselt ist, malt grossflächige Bilder - gegen die Angst. Margrit Roth arbeitet mit feinem Strich, skizziert Figuren, die auch ihre Gemütslage ausdrücken. Jonas Konrad macht aus Bildern neue Bilder, witzige Collagen. Er verschmilzt etwa Jimmy Hendrix mit einem australischen Ureinwohner und vereint Tony Blair und George Bush zu einem Kopf.

Knuchel erzählt keine Krankheitsgeschichten. Weniges wird angedeutet, angesprochen. Ihn interessiert, wie sich diese Gemütskranken ihre Ängste von der Seele malen, wie ihre Gedanken, Wünsche und Visionen künstlerischen Ausdruck finden. Doch diese kreative Beschäftigung kann nur Teil, vielleicht Therapie der mehrheitlich ambulanten Patienten sein. Der Dokumentarfilm begnügt sich bewusst mit kreativen Aspekten.

Quasi als Gegengewicht und Regulativ bringen die beiden Handwerker Alltagsrealität ins verträumt versponnene Bilderschaffen ein. Otto Frick ist Maler. Verschmitzt meint er, dass die Menschen zu ihm zum Malen kämen und als Künstler gingen. Der Schlosser Heinz Feldmann fungiert als Sachverwalter für die Kunst-Sammlung Morgenthaler und das Psychiatriemuseum.

Bewusst hat sich Alfredo Knuchel aufs Werken und Schaffen der Menschen konzentriert und ihnen ein Forum verschafft. Liebenswürdige Porträts, welche die künstlerischen den medizinischen Aspekte vorziehen. Eine Einladung auch, sich mit Bilderwelten zu beschäftigen, die aus dem Rahmen rücken, aber nicht verrückt sind.

29.02.2004

4

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Kommentare

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heers

vor 14 Jahren

Die Kameraführung ist sehr sensibel, dadurch wurde die Stimmung aufgefangen. Klasse wie die Regie gearbeitet hat. Für mich ist dieser Film Dokumentarisch. Leider ist es so, dass die Waldau ziemlich die einzige Klinik ist^, die ein solchen Raum bietet.


heers

vor 14 Jahren

Sensible Kameraführung, bringt die Stimmung vor


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